Tod in Venedig

Tod in Venedig- Part 4

 

Florian war ins Musikzimmer gegangen. Dieser Saal strahlte eine eigene Faszination aus. War das gesamte Haus im alten Stil Venedigs gehalten worden, mit reich ornamentierten Stuckbändern, Vinietten, Goldverzierungen, Seidentapeten, Lampen und Spiegel im verspielten Blumenstil … schlichtweg goldschwer, so hatte man hier einen modernen Schritt gewagt. Die Malereien, waren nicht in schwere Stuckramen eingesperrt, sondern spielten in aller Freiheit mit der Phantasie des Betrachters. Man mochte meinen sich unter freiem Himmel zu bewegen, umgeben von den Ruinen eines Amphitheaters. Auf der einen Seite konnte man, wie es oft üblich war, auf das Meer hinunter sehen, auf der anderen Seite erhoben sich Berge. Auf den Steinblöcken, korintischen Säulenfragmenten und den angedeuteten Stufen tummelten sich neben vorwitzigem Unkraut alle möglichen Tiere. Da waren Eidechsen, die sich unter der imaginären Sonne tummelten, schillernde Vögel und seltsam gehörnte Tiere, die im Hintergrund grasten. Sah man genauer hin, konnte man erkennen, daß nicht alles gemalt war. An den durchaus realen Fenstern hingen Blumenampeln mit Ehefeu. Die goldene Harfe in der einen Ecke war auch echt, wie die Steinfragmente, an denen sie lehnte. Im Schatten einer umgefallenen Säule standen Vitrinen, indenen kostbare Geigen und silberne Flöten lagen, sowie der Schrank unter dem Bogengang die Noten und andere große und kleine Instrumente beinhaltete.

Mitten im Saal, auf der einen Seite von im Halbrund aufgestellten Stühlen umgeben, thronte ein schwarzer Flügel. Florian, der bei der Palazzoführung hier kurz durchgekommen war, schloß die Türe hinter sich, um den Alltag auszusperren. Die gemalten Illusionen bewundernd ging der junge Herr hinüber zu dem Flügel. Ein wenig Musik würde ihn ablenken. Vorsichtig stellte er den Flügel auf, dann setzte er sich auf das gepolsterte Bänkchen. Eine Weile starrte er auf das abwechselnde Muster von schwarzen und weißen Tasten, dann legte er die Finger darauf, unsicher, wie er beginnen sollte. Eigentlich war es ihm egal, ob ihn jemand hörte … auch wenn er keine Koryphäe auf dem Gebiet war. So begann Florian eine einfache Melodie. Zunächst mußten sich seine Finger wieder an das Spielen gewöhnen und hielten dem Takt nicht ganz stand. Es würde schon werden.

Ganz unverhofft tauchte Baronesse Traghetto neben Florian auf. Er schrak zusammen und hörte auf. „Verzeihen Sie“, murmelte er, „ich hätte vorher fragen sollen.“

Die Baronesse starrte den jungen Mann mit ihren schwarzen kalten Augen an. „Sie sind miserabel. Rücken Sie ein Stück bei Seite.“

„Wie meinen?“

„Sie sind schlecht aber nicht unbegabt. Mit ein wenig Übung könnte es etwas werden. Denken Sie, daß Sie in der Lage sind das eben gespielte Stück ohne Taktfehler zu wiederholen?“

„Ich … äh, ja, ICH bin in der Lage dieses Stück zu wiederholen.“

„Gut“, sagte das Fräulein spitz und setzte sich neben Florian, „beginnen Sie.“

Zögernd, einen Blick auf die Person neben sich geworfen, begann Herr von Krainer.

„Sehen Sie nicht mich an, sondern konzentrieren Sie sich auf die Melodie, die Sie spielen wollen“, harschte ihn die Baronesse an. „Noch mal von vorn.“

Ich habe bald keine Lust mehr, grummelten Florians Gedanken. Er begann aufs neue und erschrak kurz, als die Baronesse einsetzte. Ihre Finger liebkosten die Tasten und entlockten ihnen den Zauber der Musik. So konnte sich das Stück also auch anhören …

Antonia de Traghetto verführte den jungen von Krainer auf ihre ganz eigene Art und Weise. Sie mochte ruppig und unhöflich sein, aber wenn sie spielte war sie sanft. Vor allem ließ sie Florian, der in ihren Augen ein blutiger Anfänger sein mußte, an ihrer Musik teilhaben. Er war nicht nur Zuhörer im Gestühl, sondern wob selbst am Band des Zaubers. Als das Stück endete war Florian urplötzlich von einer Leere erfüllt. Er kannte das Gefühl nicht. Ihm fehlte die Musik … das er das einmal denken würde… sein Musiklehrer wäre vor Freude in Tränen ausgebrochen.

„Ganz passabel“, holte ihn Baronesse Traghetto aus seinen Träumereien. „Welche Stücke können Sie noch spielen?“

In der nächsten Stunde spielte Florian Stücke, die ihm total fremd waren. Normalerweise benötigte er einige Zeit und Übung, bis er ein Stück einigermaßen beherrschte, aber es gleich von der Note zu Musik zu bringen, war ihm bisher ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Die kleine Baronesse bediente sich dabei eines kleinen Tricks. Sie ließ ihren Gast die einfachen Hintergrundmelodien spielen.

Florian bemerkte Charon nicht, der von der Musik angelockt, in den Salon gekommen war. Als er die beiden jungen Personen dort gemeinsam auf der Klavierbank sitzen sah, in Einverständnis den Tasten diese Melodien entlockten, wurde es um das Herz des Halbinders sehr schwer. Traurig wendete er sich wieder ab.

 

Die Zeit war zur Bedeutungslosigkeit gefroren, bis der Takt von klappenden Händen den Zauber zerstörte. Die beiden Musikweber drehten sich herum. Es war Baronin de Traghetto. „Es war wundervoll“, sagte sie.

„Vielen Dank“, erwiderte Herr von Krainer. Er stand auf, verbeugte sich vor der Baronesse. „Auch Ihnen bin ich zu Dank verpflichtet. Ich würde mich freuen, wenn ich Sie wieder einmal auf dem Flügel begleiten dürfte.“

„Wie gewählt Sie sich ausdrücken können“, antwortete die kleine Baronesse spitz, so als ob sie es einem Hinterwäldleradeligen nicht zutraute. Etwas sanfter und leiser fügte sie hinzu: „Gerne.“

Florian, dem die Beleidigung keineswegs entgangen war, drehte sich auf dem Absatz herum und verließ den schönen Musiksalon. Hinter sich hörte er die Baronin zu ihrer Tochter sagen: „Du bist nicht mehr allein …“

Nicht mehr allein? Bedeutete das, daß man es schon wieder versuchte? Ihn mit irgendeiner Adeligen - wenn möglich wohlhabend - zu verkuppeln?

„Verzeihung?“ durchbrach eine Stimme Florians Gedanken. Als der junge Mann aufblickte, erkannte er Herrn Aouda. Unwillkürlich tat Florian einen Schritt zurück. „Was wollen Sie?“ fragte er harsch.

„Verzeihen Sie mir, daß ich Sie anspreche … aber, es hat sich etwas in unserem Fall ergeben.“

Florians Neugierde siegte über das Mißtrauen: „Berichten Sie!“

„Nicht hier, Gehen wir auf mein Zimmer.“

„Das halte ich für keine gute Idee, lassen Sie uns in den Herrensalon gehen.“

Glücklicherweise war der zu dieser Stunde verwaist. Man ließ sich von der Dienerschaft Cappuchino bringen und dann berichtete Herr Aouda von seiner Begegnung. Man einigte sich, daß man diesen Don Leonardo heute noch treffen wollte und sandte eine Nachricht zu ihm. Die Antwort kam sofort mit dem Boten zurück. 14.00 Uhr Marcusplatz im Café Rosa.

Die beiden Herren nutzten die Zeit, um nach einem Geschenk für Myrjam zu suchen. Florian entdeckte in einem der Glasläden eine Venezianische Gondel. Sie entsprach in ihren verspielten Formen genau dem  Geschmack Frl. von Krainers. Danach trat man mit gemischten Gefühlen den Weg zum Marcusplatz an.

Zögernd trat man vor das Café und entdeckte durch die Scheibe, daß der Mann mit der Halbmaske schon anwesend war. Er saß an einem Tisch in der Ecke und trank seinen Kaffee. Seinen gelben Augen schien nichts zu entgehen. Ruhig erwartete er seine Gäste. Einer der Bedienungen eilte zu den Herren und half ihnen aus ihren Mänteln, nahm ihnen die Handschuhe, Hüte und die Stöcke ab. Don Leonardo stand auf, als die beiden Herren sich seinem Tisch näherten. „Herr von Krainer, Herr Aouda, es freut mich, daß Sie gekommen sind.“ Nacheinander reichte er ihnen die behandschuhte Hand. „Setzen Sie sich.“ Don Leonardo wies auf die freien Stühle.

Nachdem sich Florian und Charon einen Vanillekaffee bestellt hatten, wurde er Verschwörerisch in dieser Ecke des Etablissements. „Ich nehme an, daß Sie Herrn von Krainer über unser Gespräch in der gestrigen Nacht in Kenntnis gesetzt haben“, sprach Don Leonardo den Halbinder an.

„Ja, so ist es.“

„Zu welchem Konsens sind Sie gekommen?“

„Wir benötigen noch einige Informationen“, sagte Herr Aouda.

„Nun, dann stellen Sie mir Ihre Fragen.“

„Was waren das für Buchseiten, über die Sie Duca Canova informierte?“ begann Florian.

„Ich kann es nicht mit Gewißheit sagen. Duca Canova drückte sich in den Briefen recht kryptisch aus. Er ahnte wohl von der Brisanz seiner Entdeckung. Er schilderte es dergestalt, daß es eine Glaubensgemeinschaft verändern könnte.“

„Was meinen Sie mit Glaubensgemeinschaft?“ hakte Florian nach.

Don Leonardo nippte an seinem Kaffee und musterte den blonden jungen Mann eine Weile. „In der christlichen Kirche gibt es diverse Orden.“

„Auch welche, die dieses Symbol tragen?“ Charon zeigte die Zeichnung des Tatzenkreuzes. Don Leonardos Mine versteinerte. Er unternahm kein Versuch das Bild umzudrehen.

„Sie erkennen es“, deutete Florian den erschütterten Gesichtsausdruck des Maskierten.

Don Leonardo schüttelte leicht den Kopf: „Nein, bedaure … ich kenne es nicht. Wo haben Sie das her?“

„Der Ermordete auf der Brücke. Seine beiden Verfolger, die sich letztendlich dann auch auf unsere Fährte setzten … einer von ihnen trug dieses Kreuz.“

„Die Sache gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht“, murmelte Don Leonardo.

„Sie wissen doch mehr, als Sie zugeben“, hakte Florian nach.

„Ich verstehe Ihr Mißtrauen sehr gut. Männer wie ich gehören nicht unbedingt zu dem Personenkreis den man als Vertrauenswürdig einstuft.“ Don Leonardo tippte sich an seine Halbmaske.

„Verzeihen Sie meinem jungen Freund, er ist ein wenig voreilig“, entschuldigte sich Herr Aouda.

„Er hat ja Recht“, schmunzelte der spanische Don, „allerdings bedaure ich sehr, daß Sie mit hineingezogen worden sind.“

„Wovon sprechen Sie?“ Florian wurde lauter.

„Ich kann selbst nur Vermutungen anstellen, da mir selbst die Informationen fehlen. Da fällt mir ein, weshalb haben Sie mich denn gesucht?“

„Kennen Sie diesen Mann?“ fragte Charon und zeigte dem Don die Zeichnung der Erschossenen.

„Ja, ich erkenne ihn. Das war einer der Diener Duca Canovas.“

„Da ist die Verbindung“, freute sich Florian.

„Verbindung?“ hakte Don Leonardo nach, der den Gedanken des jungen blonden Mann nicht folgen konnte.

„Ja, das ist der Beweis“, holte Herr von Krainer aus, „dieser Mann ist der Erschossene. Nun wissen wir, von wem er geschickt worden ist.“

„Und woher wissen Sie, daß er zu mir wollte?“ fragte Don Leonardo.

„Er“, druckste Florian, „er sagte, als er starb, dreimal Leonardo und dann gab er mir einen Zettel.“

„Wo ist der Zettel?“

„Fort. Aber ich weiß noch, was darauf stand: Mein Freund! Bald ruhe ich bei meinen Ahnen. Im Licht des blinden Löwen erwächst Einsicht. Regino.“

Don Leonardo lehnte sich langsam zurück. „Regino“, sagte er. „Duca Regino Canova. Warum haben Sie mich nicht gleich gefragt? Die Verbindung war doch eindeutig!“

Die beiden jungen Detektive schauten sich an. Wenn sie den Vornamen des Ducas schon früher herausgefunden hätten…

„Im Licht des blinden Löwen erwächst Einsicht, hm, was Duca Canova damit sagen wollte, ist mir Schleierhaft“, murmelte Don Leonardo.

„Er deutet auf das Versteck hin“, meinte Florian.

Der Don lächelte: „Das zumindest ist sicher.“

„Es muß ein Versteck in seinem Haus sein“, mutmaßte Charon.

„Nun, dann dürften wir in Schwierigkeiten sein.“ Der Don fuhr geistesabwesend über die Linien des Tatzenkreuzes, dessen Zeichnung immer noch auf dem Tisch lag. „In einer Woche - nächsten Montag - findet die Versteigerung statt.“

„Dann müssen wir vorher in den Palazzo eindringen“, schlug Florian vor.

Der Don schmunzelte: „Sie schlagen einen Einbruch vor?“

„Wenn es nicht anders geht, ja!“

Der Don blickte von einem begeisterten Gesicht zum anderen. „Ich muß Sie warnen. Es ist kein Spiel. Noch können Sie aufstehen, gehen und würden mich nie wieder sehen. Sie dürften auch vor denen“, der Don zeigte auf die Zeichnung, „in Sicherheit sein. Noch stellen Sie keine Gefahr da. Der Zufall hat Sie in die Geschichte involviert, das ist alles.“

„Wir lassen Sie nicht im Stich“, sagte Charon.

„Das ist sehr Großzügig von Ihnen. Wir werden uns aber erst einmal der Recherche widmen, einem äußerst langweiligem Geschäft. Ich habe zu Hause den Versteigerungskatalog. Wir werden sehen, ob wir nicht dort schon einen Hinweis finden. Vielleicht müssen wir nicht in den Palazzo Dona einbrechen.“

Sprachs getan. Don Leonardo bezahlte die Rechnung und dann machte man sich auf den Weg in die Rio Terra S. Leonardo.

Es war tatsächlich sehr mühselig, den Katalog durchzuackern … vor allem, wenn man nichts fand. Es gab einige Löwenstatuen und unzählige heilige Reliquien, Bibeln … und eine auffällige Ansammlung von Büchern des Heiligen St. Bonifazius.

„Wir müssen die Löwen in ihrem Kontext sehen. Es führt kein Weg drumherum, wir sind gezwungen in den Palazzo einzusteigen“, erkannte Herr Aouda.

„Dann sollten wir uns erst ein Bild über die momentane Lage machen“, schlug Don Leonardo vor, „seit dem Mord an dem Duca stehen Carabinieries an dem vorderen Portal und sicherlich auch welche hinten am Canal.“

Auf dem Stadtplan konnte man erkennen, das der kleine Palazzo an beiden Seiten direkt an andere Gebäude gebaut war. Die Front war dem großen Campo S. Polo zugewendet und an der Rückseite lag ein Canal.

 

Es dämmerte bereits und leichter Schneefall setzte ein, als die drei Männer über den Campo S. Polo schlenderten. In der Tat standen vor dem Palazzo Dona zwei in dunkle Mäntel gehüllte Gesetzeshüter. An der Ausrichtung ihrer Dreispitze konnte man erkennen, wohin sie blickten… selbstredend in ihre Richtung.

Die drei Männer flanierten ohne Hast über die Ponte Madonetta, tauchten kurz in eine enge Gasse ein, um dann auf der Ponte Luganegher Stellung zu beziehen. Von hier aus konnte man recht gut auf die Rückseite des Palazzos hinüber sehen. Da es keine Fondamenta gab, sondern nur eine Treppe, die direkt ins Wasser führte, sahen diese beiden Carabinieries ein wenig danach aus, ausgesetzt worden zu sein.

Man überlegte gerade, wie man in das Gebäude eindringen konnte, ohne auf sich Aufmerksam zu machen, als sich den Treppen ein Boot näherte. Man konnte durch den Schneefall erahnen, daß es sich ebenfalls um Carabinieries handelte. Wahrscheinlich eine Patrouille zu Wasser.

Das Boot hielt bei der Treppe und die Männer tauschten einige Worte. Es war anscheinend ein Wachwechsel, den die drei Herren beobachteten. Das Boot mit den Carabinieries, die nun ihrem wohlverdienten Feierabend entgegensahen, ruderte langsam auf die Brücke zu, auf der die drei Beobachter standen. Man verbarg sich im Schatten einer Hausecke und beobachtete, wie das Boot in den links abzweigenden Canal einbog. Einige Herzschläge verstrichen, bis man sich wieder auf die Brücke wagte.

„Haben Sie das gesehen?“ fragte Herr Aouda.

„Wovon sprechen Sie?“ fragte Herr von Krainer, der sich schon anstrengen mußte, gegen den Schneefall Details zu erkennen.

Herr Aouda flüsterte: „Sie brechen in den Palazzo ein.“

„Sie haben recht“, sagte Don Leonardo, „das sind keine Carabinieries!“

„Ich sehe nichts“, jammerte Florian, dann dachte er einen Moment lang nach und flüsterte: „Dann sind das unsere Verfolger. Wir müssen hinterher!“

„Äußerst riskant“, überlegte Don Leonardo, „aber wir sind ihnen drei zu zwei überlegen.“

„Das ist unsere Chance“, freute sich Herr von Krainer, „jetzt oder nie.“

„Sie haben die Türe geöffnet“, setzte Herr Aouda die anderen beiden in Kenntnis.

„Dort vorne ist ein Boot, warten Sie, ich hole es“, sagte Don Leonardo.

Herr von Krainer merkte an: „Äh, es gehört nicht uns.“

„Das weiß ich. Wir leihen es uns lediglich aus. Sie stehen im Begriff in einen Palazzo einzubrechen und da machen Sie sich Gedanken um ein Boot?“

 

Ganz sachte legte das Boot an der Treppe an. Die Türe war wieder geschlossen. Während Don Leonardo das Boot an einer der Stangen vertäute, warteten die beiden jungen Freunde vor der Türe. Sie standen kurz davor, etwas Gesetzeswiedriges zu begehen. Wenn sie … wenn Florian von Krainer … erwischt werden würde, wäre das das sicherliche Aus seiner Familie. Das Abenteuer lockte, das so lange auf sich hatte warten lassen … ganze achtzehn Jahre. Und nun trennte Florian nur noch diese Türe vor dem großen Geheimnis, daß es um diese Buchseiten zu lüften galt. „Sie ist nur angelehnt“, flüsterte Herr Aouda und stieß die Türe leise auf.

„Seien Sie um Himmelswillen vorsichtig“, Don Leonardo eilte die Treppen zu den beiden Abenteurern empor.

„Kenne Sie sich hier aus?“ fragte Herr Aouda.

„Nein, ich kenne nur einen Teil der oberen Räume. Dies hier ist der Bediensteten Trakt. Meines Wissens nach liegen die Küche und die Hintertreppe rechte Hand. Darüber liegt das Speisezimmer, das Schlafzimmer und die Bibliothek.“

„Welchen Weg sollen wir nehmen?“ fragte Herr von Krainer.

„Welchen Weg haben Ihrer Meinung nach die beiden Schattenmänner genommen?“ fragte Don Leonardo.

„Die Hintertreppe zur Bibliothek.“

„So ist es“, erwiderte der Don, „wir sind im Vorteil. Sie wissen nicht, daß wir da sind. Daher werden sie immer den logischen Weg wählen.“

„Dann nehmen wir die Haupttreppe“, entschied Herr Aouda. Leise schlichen die drei durch die dunklen Gänge des Palazzos Dona. Durch eine Nebentüre gelangten sie in die marmorne Empfangshalle. In dem schattigen Licht, daß durch die hohen Fenster zu Boden sickerte, konnte man Halbsäulen an den Wänden erkennen - die sehr gute Versteckmöglichkeiten boten. Schwere Vorhänge, Gobelins, Ölgemälde und Statuen schmückten die Wände. Vor der breiten geschwungenen Treppe, die sich in das erste Stockwerk emporhob und dort in eine Galerie mündete, erhoben sich auf schweren Podesten zwei majestätische Löwen. Sie standen auf ihren breiten Pranken und ihre Körper waren leicht zur Treppe hin gebogen. Da es sich hierbei um das Venezianische Wappentier handelte, fehlten die aufgerichteten Schwingen nicht. Aus ihren gemeißelten Augen musterten sie die Besucher in kühler Überlegenheit.

Die Herzen schlugen den beiden jungen Einbrechern bis hinauf in die Kehle. Dieser Ort war unheimlich. Nicht nur, weil sie in verbotener Weise des Nächtens betreten hatten, sondern auch wegen des Mordes, der hier geschehen war, wegen des Geheimnisses, das hier ruhte, wegen ihres mysteriösen Begleiters… und weil sie hier wie auf dem Präsentierteller dargeboten wurden. Diese Treppe bot keinerlei Möglichkeiten sich zu verbergen. Wenn die beiden Schattenmänner, wie sie der Don bezeichnet hatte, in dem Moment auf der Galerie auftauchten, wäre das ihr Ende.

Es geschah nichts dergleichen. So leise es ihnen möglich war huschten die drei die Treppe hinauf. Don Leonardo hatte die Spitze übernommen und schwenkte auf der Galerie gleich nach links. Ihr Ziel war die Bibliothek … leider war es auch das der Schattenmänner. Sie konnten Licht durch einen Türspalt auf den Gang fallen sehen. Florian, der recht viel Mut bewies huschte den weichen Teppich entlang, bevor ihn noch jemand zurückhalten konnte, und nutzte die Möglichkeit, einen Blick in die Bibliothek zu werfen. Der Türspalt war groß genug, um einige Details zu erkennen. Florian sah rechte Hand auf die kurze Seite des Raumes, die bis zur Decke hin von einem Bücherregal eingenommen wurde. In der Mitte dessen war eine Glastüre eingelassen, hinter der sich Gegenstände befanden. Auf der gegenüberliegenden Seite fehlten die Fenster. Da stieß der Palazzo an ein anders Haus. Hier hingen weitere Gemälde und darunter waren Vitrinen. In der einzigen Ecke, die Florian sehen konnte, stand ein großer silberner Kerzenleuchter von drei Meter Höhe. Um mehr sehen zu können, mußte Florian die Türe weiter öffnen. Doch das traute er sich dann doch nicht.

„Sieh mal im Regal nach“, sagte da die rauhe Stimme, die Florian schon einmal gehört hatte. Das waren in der Tat ihre Verfolger!

Der andere Schattenmann trat vor die Bücher und las sich konzentriert die Buchrücken durch. „Das ist ja, als ob man eine Nadel in einem Heuhaufen suchen würde!“

„Eben drum, es gibt kein besseres Versteck für die Seiten.“

Hinter Florian waren mittlerweilen auch die anderen getreten.

„Was meinte der Alte damit, als er schrieb: Im Licht des blinden Löwen erwächst Einsicht?“

„Ich weiß es auch nicht. Ein Rätsel, das wir lösen müssen.“

„Wo haben wir noch Löwen?“

„Na, unten an der Treppe.“

„Dann laß uns dort einmal nachsehen, bevor wir uns hier jedes Buch vornehmen müssen.“

Die beiden Schattenmänner steuerten auf die Türe zu. Florian sah sich hektisch um. Don Leonardo, der sich ein wenig in diesen Räumlichkeiten auskannte, huschte zur nächsten Türe und öffnete diese. Schnell waren die drei Herren in das Schlafgemach des Verstorbenen gesputet. Es gelang im allerletzten Moment, die Türe zu schließen, als die der Bibliothek aufgestoßen wurde. Die beiden Schattenmänner machten keinen Hehl daraus, daß sie sich in Sicherheit wähnten. Sie unterhielten sich zwar nicht lautstark, aber innerhalb der Räumlichkeiten doch vernehmbar gut. Die drei Herren behielten die Türe im Auge, sie lauschten angestrengt, bis man die Stimmen nicht mehr hörte. Dann trat man wieder auf den Gang hinaus und folgte den Schattenmännern bis zum Ende des Ganges. So vergewisserte man sich, daß die beiden sich tatsächlich für eine Weile mit den großen Löwenstatuen auseinandersetzen würden.

Allein der Gang, durch den die drei Gentleman gingen war schon bemerkenswert. Hier standen Vitrinen an den Wänden, die religiöse Dinge beinhalteten. An den Wänden hingen Portraits und auch Ziersäbel. Florian eignete sich einen an, da er nur über den kurzen Stockdegen verfügte. Er reichte einen zweiten an Don Leonardo weiter, der allerdings ablehnte. „Ich bin ein miserabler Fechter.“

Die Bibliothek war ein beeindruckender Raum. Er maß in seiner Höhe sicherlich über vier Meter. Hier setzte sich die Sammelleidenschaft wertvoller Reliquien fort. An der einen kurzen Wand stand das Bücherregal, deren oberste Reihen nur noch mit der Leiter erreichbar waren. In der Mitte war die besagte Glastüre eingelassen. An der langen Außenwand standen weitere Vitrinen, an der mit der Türe waren zwei Schränke gestellt worden. Die zweite kurze Wand beinhaltete eine weitere Türe zum Schlafzimmer. Daneben ruhte ein großer Marmorlöwe ohne Flügel. Er hatte seinen Kopf auf die Vorderpranken gelegt und starrte auf das Bücherregal.

In der Mitte des Raumes stand eine lederne Sesselgruppe um einen niedrigen Tisch.

Für Licht sorgten in dem fensterlosen Raum die Gaslampen, die in gewissen Abständen an den Wänden angebracht waren und wenn man für einen romantischen Flair sorgen wollte, auch die großen Silberleuchter, die jeweils in einer der vier Ecken stand.

Alles wirkte beinahe so, als würde der Hausherr noch leben, als wäre er eben fort gegangen… wenn da nicht schon die Holzkisten für den Abtransport dieser Sammlung in einer Ecke stehen würden. Florian hatte sich mit enormem Eifer gleich auf den Löwen gestürzt und versuchte seine Blickrichtung auszumachen. Indes war Herr Aouda zum Bücherregal getreten um sich einen Überblick über die Titel zu machen. Der Halbinder zögerte, als er bemerkte, daß Don Leonardo neben den Kisten stand und verbissen darauf starrte.

„Es tut mir sehr leid“, sagte Herr Aouda.

„Mir ebenfalls. Das diese Sammlung schon in einer Woche aufgelöst sein wird ist ein Sakrileg. Duca Canova hatte vor gehabt sich schon davor auf seine Sommerresidenz zurückzuziehen. Und nun ruht er wirklich schon bald bei seinen Ahnen.“

„Wenn wir die Kerzen entzünden, dann spiegelt sich das Licht in den Augen des Löwen und wird auf die Bücher geworfen“, ereiferte sich Florian.

Herr Aouda sagte leise: „Sie könnten damit recht haben.“

Sprachs getan. Nachdem die Kerzen nun alle Licht spendeten und es sich in den polierten Marmoraugen des Löwen brach … konnte Florian, indem er sich rückwärtig ans Regal stellte, tatsächlich zwei Stellen ausmachen, andenen er von dem zurückgeworfenen Schein des Großkatzenblickes geblendet wurde. Leider war der Bereich recht vage gehalten und beinhaltete jeweils an die fünfzig Bücher.

„Es war ein guter Einfall“, tröstete ihn Don Leonardo. „Da fällt mir ein, woher wußten die Schattenmänner von dem Text auf dem Zettel?“

Herr Aouda erwiderte; „Sie haben ihn uns abgenommen, bevor die Carabinieries uns retteten. Verzeihen Sie.“

„Gut, aber bitte verschweigen Sie mir solche Details nicht mehr. Es kann alles irgendwann einmal sogar Lebensnotwendig werden.“

Man untersuchte den Raum, so gut es ging, als man die Türe zur Galerie zuschlagen hörte.

„Sie kommen“, flüsterte Florian. In aller fliegenden Hast blies man die Kerzen aus und floh durch die Tür ins Schlafzimmer.

„Sie werden die Kerzen riechen“, erkannte Herr Aouda.

Don Leonardo schnappte sich einen Stuhl und klemmte ihn unter die Türklinke, Florian umfaßte den Griff seines Degens und huschte zur Türe, Herrn Aouda auf seinen Fersen. „Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“ flüsterte der Halbinder besorgt.

„Jaja, ich könnte mich verletzen. Ruhe jetzt! Die beiden sind eben in die Bibliothek gegangen.“ Florian stieß die Türe auf und rannte den Gang hinunter. In diesem Moment sprang ihm einer der Gestalten in den Weg. „Zum Schlafzimmer“, hörte Florian den Mann in die Bibliothek rufen und dann standen sie sich gegenüber. Funken sprühten, als die beiden Klingen in aller Wucht aufeinander trafen. Die beiden Männer starrten sich für einen Moment an, als sie sich mit ihrer Kraft gegen die gekreuzten Säbel stemmten. „Sie“, erkannte der Mann mit der rauhen Stimme, „schön, dann bringe ich zu Ende, was ich begonnen habe.“ Er war Florian in der Kraft überlegen und stieß den jungen Mann spielerisch fort. „Sie haben schon verloren“, wurde Herr von Krainer verhöhnt… doch der wußte es besser. Geschick über Kraft, das hatte ihm Lt. Falkenstein immer eingebleut. Laß dich niemals provozieren, laß dich niemals durch deinen Zorn leiten.

Florian ließ seinen Gegner eröffnen und parierte zunächst die Schläge, bis er einen Fehler im Angriffsmuster erkannte. Der Mann fühlte sich haushoch überlegen. Flink stieß Florian zu und zog sich zurück. Das erste Blut floß und es war nicht seines. Verwundert blickte der Schattenmann auf seinen Oberschenkel nieder. Ein zweiter Stich folgte, den sein Gegner in die Schulter erhielt. Nun waren die Fronten geklärt, nun würde ihn der Kerl nicht mehr unterschätzen. Aber das war in Ordnung, denn nun war er geschwächt. Mit Leichtigkeit trieb Florian den Mann vor sich her, den Gang hinunter zur Treppe. Verzweifelt versuchte sich sein Gegner zu lösen, verzweifelt versuchte er, seine Position mit Herrn von Krainer zu tauschen, doch der junge Engel ließ das einfach nicht zu. So geriet der  Schattenmann in die Bredouille auch noch auf unterlegenem Posten sein  Leben zu verteidigen. Es kam alles anders. Wie so oft, will ich meinen, denn die Haupttüre wurde aufgestoßen. Die beiden Carabinieries, stürmten mit gezogenen Säbeln in die Vorhalle. Dann hasteten sie die Stufen empor. Der Schattenmann ergriff die Flucht, indem er über die Brüstung auf den tief darunterliegenden Boden sprang. Man hörte deutlich das Knallen der Absätze, als er mit den Stiefeln auf den Marmorfliesen aufkam. Einer der beiden Carabinieries stürmte die Treppen wieder hinunter, um die Verfolgung aufzunehmen. Florian, der es mit der Angst bekam, daß man ihn anhand seiner blonden Haare erkennen würde, zog sich hurtig in den Gang zurück. „Carabinieries“, rief er als Warnung seinen Mitverschwörern zu.

 

Während Florian von Krainer sich dem Gegner mit der rauhen Stimme gestellt hatte, hatten die beiden anderen Herren eine bedeutende Entdeckung gemacht.

Don Leonardo stützte die Türe, gegen die der andere Schattenmann anrannte. Herr Aouda, der seinen Engel vor einer überstürzten Tat hatte abhalten wollen, drehte sich herum und blickte auf ein Gemälde von drei Meter Höhe und zwei Meter breite. Hier hing die Lösung, vor ihren Augen! In voller Lebensgröße war Duca Canova abgebildet. Er stand neben dem ruhenden Löwen in seiner Bibliothek. Einer der silbernen Kerzenleuchter war ebenfalls abgebildet worden. Wenn man nun genauer die Augen des Löwen betrachtete, konnte man erkennen, daß der Künstler die Regalwand in der Spiegelung abgebildet hatte. Drei Bücher waren etwas deutlicher herausgearbeitet worden. Duca Canova hatte von diesem Detail in seinem Bild gewußt und hatte dementsprechend die beiden Buchseiten versteckt. Sehr gewitzt. So prägte sich Charon die Buchrückenabfolge im Auge des Löwen ein und hoffte, daß er sie wiederfinden würde.

„Don Leonardo, ich weiß wo die Seiten sind.“

Der Angesprochene hatte immer noch ein Auge auf die Türe geworfen.

„Ich habe eine Idee“, sagte der Halbinder, „wenn er das nächste Mal gegen die Türe stürmt, öffnen wir sie.“

Sprachs getan. Herr Aouda bezog Posten an der Türe und Don Leonardo ihm gegenüber … mit einem gewichtigen Kerzenständer in der Hand. Im richtigen Moment riß Charon die Türe auf und der Schattenmann stolperte mit der Schulter voran ins Schlafgemach. Der Don schlug zu und der Gegner blieb regungslos auf dem flauschigen Teppich liegen. Schnell war man in die Bibliothek gelaufen und suchte nach der Buchrückenkombination. Man fand in dem eingrenzten Bereich Florians genau vier solcher Abfolgen. Hastig zog man die Bücher heraus und warf sie in eine der kleineren Kisten.

„Carabinieries!“ hörten sie Florian rufen.

„Die Hintertreppe!“ Die Kiste zwischen sich rannte man zum Speisesaal und verrammelte erst einmal die Türe. Als man auf der Treppe ins Untergeschoß war, hörten sie oben den Wachmann klopfen und rufen.

„Schneller!“ drängte Don Leonardo. Sie erreichten die Hintertüre und hörten vorn in der Eingangshalle die Verstärkung eintreffen. Es kam, wie es kommen mußte, das Boot war fort. Allerwahrscheinlichkeit nach, hatte es der fliehende Schattenmann benutzt.

„Wir sitzen in der Falle“, seufzte Florian, der sich seinen dunklen Schal um die Haare gewunden hatte. Charon starrte in das Wasser und auf die gegenüberliegende Wand. Keiner der beiden Wege sah Erfolgversprechend aus. Im Canal würde sie die Bücher nicht mitnehmen können und außerdem würden sie erfrieren. Die gegenüberliegende Wand war fünf Meter hoch und endete in verspielten Steinspitzen. Wahrscheinlich war das die Eingrenzung eines Hofes. „Schnell drei Bücher für jeden“, preßte der Don hervor.

„Wir nehmen alle“, begehrte Florian auf.

„NEIN, das geht nicht!“

„Was machen Sie denn da?“ fragte Charon, dem nun auffiel, daß der Don irgend etwas zusammenschraubte. Gerade legte er einen vierarmigen Schleuderhaken auf seine Armbrust, die einmal sein Stock und was auch immer gewesen war. Ein Seil lag zusammengerollt zu seinen Füßen. Don Leonardo stand auf dem einen Ende, das andere war an dem Haken befestigt. Kurz gezielt schoß der spanische Edelmann. Charon und Florian hielten die Luft an. Die Zeit wurde immer knapper. Schon kamen die Geräusche der Carabinieries immer näher. Drei Bücher, drei Bücher für jeden, fiel es den beiden ein und sie sortierten drei aus. Da sich ein Großteil um Bibeln oder Schriften des Heiligen Bonifazius handelten, nahm man diese mit und ließ die weniger interessanten zurück.

Der Haken hatte beim ersten Schuß Halt an der steinernen Mauerbegrenzung gefunden. Nun zog der Don an dem Seil, es hielt. „Los, Herr von Krainer, Sie sind der erste!“

Florian stopfte sich die Bücher in das Wams und ergriff das Seil. Er hangelte sich über den Canal, hinauf auf die Mauer. Herr Aouda folgte weniger elegant, schaffte es aber ebenfalls. Nun war Don Leonardo an der Reihe. Er befestigte die Armbrust an seinem Gürtel, griff so weit er konnte oben an das Seil und ließ sich über den Canal schwingen. Er verfehlte die Wasseroberfläche um Haaresbreite und begann sofort die Mauer emporzuklettern.

Zwei Carabinieries tauchten unten an der Treppe auf. „Bleiben Sie stehen! Ergeben Sie sich!“ riefen sie den Flüchtenden hinterher. Schon waren Boote auf dem Canal. Herr Aouda half dem viel größeren und schwereren Don auf die Mauer. Glücklicherweise war sie fast einen Meter breit. Auf der anderen Seite fiel sie „nur“ vier Meter hinunter. „Weiter“, der Don deutete die Mauer entlang. Florian, gefolgt von Charon, floh über den verschneiten Untergrund. Es war äußerst schwierig, die Mauerverzierungen zu umgehen. Alsbald hatte man ein Dach erreicht. „Wir trennen uns hier“, sagte der Don, „Sie wenden sich in diese Richtung und ich werde dorthin verschwinden. Wir treffen uns morgen um 8.00 Uhr in der Calle Corrente. Das Eckhaus, das nicht am Canal liegt. Viel Glück.“ Und damit verschwand Don Leonardo im Schneetreiben. Pfiffe der Carabinieries  hallten zu den beiden Verfolgten herüber. Sie nahmen dies zum Anlaß, über das Dach zu laufen, auf ein weiteres zu wechseln und über einen Balkon hinunter zu Boden zu springen. Die beiden Herren rannten, bis sich ihre Beine weigerten, noch einen Schritt weiter zu machen. Ausgelaugt, das Gewicht der gebundenen Bücher im Wams, lehnten sie sich in eine Häuserflucht. Es war nichts mehr zu hören, außer dem leisen Fall der Flocken.

„Sie werden unseren Spuren folgen“, stieß Florian die Luft zwischen den Zähnen hervor. Eine Atemwolke verhüllte sein Gesicht. „Da können Sie Recht behalten!“

Man nahm sich ein Boot und fuhr durch die Canäle. Irgendwo legten sie an und machten sich auf den Heimweg. Es war gegen 23.00 Uhr, als sie den Palazzo Manin erreichten. Zwei munter gelaunte Gentlemen traten an dem Bediensteten vorbei, der ihnen öffnete. Erst als sie sich in Herrn Aoudas Zimmer in Sicherheit wähnten, ließen sie ihrer Erschöpfung freien Lauf. Ermattet, ohne sich der Wintermäntel zu entledigen, ließen sie sich in die Sessel fallen

„Sind Sie verletzt?“ fragte Herr Aouda nach einer Weile.

„Nein, weswegen denn?“

„Ihr Duell, ich dachte…“

„Ach Firlefanz! Ich bin gut.“

„Dann ist gut.“

„Gut, gut, hören Sie auf mich zu bemuttern!“ schimpfte Florian. Er stand auf, zog den Mantel aus und stapelte seine Bücher auf dem Tisch. Herr Aouda legte seine drei daneben.

„Auf geht’s“, sagte Herr von Krainer und begann alle Bücher auszuschütteln. Es fiel leider keine Seite heraus. Die ganze Nacht über versuchten sie dem Geheimnis der sechs Bücher auf den Grund zu gehen … ohne Erfolg. Weder war im Einband etwas verborgen, noch waren die Seiten mit eingebunden worden, noch gab es einen Hinweis auf ein mögliches Versteck. Es war zermürbend, auf seine Bemühungen der letzten Nacht auf NICHTS zu stoßen.

Viel zu schnell zeigte die Uhr auf dem Kaminsims sechs.

„Wir sollten los“, sagte Herr Aouda, „ich traue diesem Don nicht mehr. Irgend etwas sagt mir, daß das alles eingefädelt war. Ich möchte mir das Haus und die Umgebung davor ansehen.“

„Wie Sie meinen“, Florian unterdrückte ein Gähnen.

„Die kalte Morgenluft wird uns guttun.“

„Wie Sie meinen.“

 

12. Dezember 1871; Dienstag

Gemeinsam liefen sie durch die dunklen Gassen der Stadt. Nur in einigen wenigen Häusern brannte schon Licht, sie schienen wie Lebenslichter, die den beiden Mut zusprachen. Hinter den verschlossenen Läden ruhten die Bürger dieser Stadt, schliefen noch den Schlaf der Unwissenden. Sie hatten vom Ableben einer ihrer ehemaligen Oberhäupter in der Zeitung gelesen, es mit einem Schulterzucken und leisem Bedauern zur Kenntnis genommen und hatten sich wieder ihrem Tagewerk zugewendet. Und nun schliefen sie … unwissend von dem, was wirklich vor sich ging, unwissend um die wahre Bedeutung dieses Todes aus der Zeitung. Es drängte sich der Gedanke auf, was alles während des eigenen Schlafes im Leben alles vorgefallen war. Stimmte das, was man in der Zeitung zu lesen bekam wirklich? Damals als das Gerücht in Frankfurt umging, ein Vampyr treibe sein Unwesen und die Dolchverschwörer hätten ihn besiegt, damals als Florian seinen Fechtlehrmeister danach fragte … war ihm das seltsame traurige Leuchten in seinen Augen aufgefallen, als Lt. Falkenstein ihm beteuerte, alles sei seinen richtigen Weg gegangen. Schein und Sein.

Ein finsterer Orden der Kirche mit dem umgedrehten Tatzenkreuz als Symbol versuchte an diese geheimnisvollen Buchseiten heranzukommen. Es gab also eine Negierung des göttlichen Glaubens … allein dieser Gedanke bereitete Florian ein Unbehagen, daß sich wie klebrige Spinnenfäden unauslöschlich um seine Erinnerungen hüllte. Herr Aouda und er lebten gerade in der beginnenden Dämmerung und schlugen eben die Augen auf … noch orientierungslos … nicht unterscheidend, was ist Traum und was Wirklichkeit.

Sie konnten noch umkehren, konnten sich wieder schlafen legen und ihre kleine Welt erträumen, mit all den Tränen und Freuden, die das Leben bot.

Es hatte aufgehört zu schneien und so hinterließen sie in dem hohen Schnee sehr deutliche Spuren. Da in Venedig die Hauptstraßen, die in Wirklichkeit nur etwas großzügiger angelegte Gassen waren, um diese Zeit schon geräumt wurden, nahm man Umwege in Kauf. Die Arbeiter, die mit großen Schaufeln, die Straßen freilegten, nickten den beiden dahineilenden Gentleman grüßend zu.

„Hier müssen wir abbiegen“, sagte Florian, der Myrjams Karte in den Händen hielt. Sie kämpften sich wieder durch den hohen Schnee und gelangten dann schließlich auf die Calle Corrente. Diese Gasse war recht breit und überbuckelte zwei Canäle nacheinander. Auf der ersten Brücke fanden sie kein Gebäude, auf das Don Leonardos Beschreibung paßte, doch bei der zweiten hatten sie Glück. Die Häuserzeile, auf die sie rechte Hand blickten hatte eine Fondamenta, einen Weg unten am Wasser. Hinter der Brücke konnten die beiden eine Treppe sehen, die sich hinunterwand. Im Wasser stakten die üblichen Stäbe wie magere Finger empor und die daran vertäuten Boote schlugen träge in der leichten Strömung gegen das Holz. Diese hohlen Töne bekam man überall in Venedig zu hören.

„Wir sind da“, flüsterte Florian.

Herr Aouda drückte den voreilenden jungen Mann in eine Häuserecke: „Warten Sie.“

Florian war verblüfft und dann verärgert: „Worauf?“ fragte er bissig.

„Warten Sie hier, ich gehe vor und erkunde die Umgebung.“

„Ich benötige kein Kindermädchen“, entrüstete sich der blonde Mann.

„Es ist nur zu Ihrer Sicherheit“, erklärte Herr Aouda nüchtern, „ich kenne mich ein wenig damit aus ungesehen zu bleiben, aber selbst zu sehen.“

„Ah, die verborgenen Fähigkeiten des Sir Hugo of Courtland. Zaubern Sie demnächst aus ihren Stock auch einen Wurfanker?“ Florian wurde laut.

„Scht, ich bitte Sie. Wir wollen doch nicht auffallen“, versuchte Herr Aouda seinen jungen Begleiter zu beruhigen.

„Ich komme mit!“

„Bitte sehr.“

Gemeinsam schlichen sie über die Brücke und erst einmal an dem Haus vorbei, um sich die Rückseite anzusehen. Die Calle Corrente spaltete sich ein wenig auf und endete in zwei Sackgassen. Die eine war eine echte und die andere mündete an einen Canal. Also mußten die beiden Abenteurer umkehren und den Weg über die Fondamenta nehmen. Die Hauseingänge sahen sich alle ähnlich. Nach einer Weile traf der Weg auf eine Quergasse. Wenn man ihr linker Hand folgte gelangte man an den Canal, an dem auch die Sackgasse geendet hatte. Nur, daß man über eine Brücke auf die andere Seite gelangen konnte.

„Hm, das Haus kann man schlecht observieren“, murmelte Charon.

Die beiden Herren kehrten zu dem besagten Eingang zurück. Wieder entbrannte eine Diskussion, denn Herr Aouda war der Meinung, daß nur einer von ihnen dem Treffen folgen sollte. Natürlich lief es darauf hinaus, daß Florian in Deckung bleiben sollte und natürlich weigerte sich dieser standhaft.

„Ich traue diesem Don nicht“, sagte Charon.

„Noch ein Grund mehr, daß ich Sie begleite!“

„Nein“, erwiderte der Halbinder sanft, „das ist der genau der Grund, weswegen Sie hier bleiben.“

Florian ließ sich ungern etwas vorschreiben. Stur wiederholte er: „Ich begleite Sie!“

„Wenn Sie sich noch weiter Streiten, dann wecken sie noch ganz Venedig“, schaltete sich eine dritte Stimme ein.

Die beiden Abenteurer schraken zusammen. Denn Don Leonardo war aufgetaucht. Nicht, wie vermutet zu Fuß, sondern im Hauseingang. „Guten Morgen die Herren, kommen Sie herein. Nachdem Sie nun schon eine Weile dieses Haus observiert haben, müssen Sie sich in der Kälte ja fast den Tod geholt haben.“

Herr Aouda war blaß geworden. Er schämte sich ein wenig, durchschaut worden zu sein, nicht so Florian. „Warum haben Sie uns dann nicht schon früher hereingebeten?“

„Nie um eine Antwort verlegen“, schmunzelte Don Leonardo. Es lag auf der Hand, er mußte sie belauscht haben. Und sie hatten ihm auf dem silbernen Tablett ihre wahre Meinung über ihn serviert. Dieses Haus wirkte bewohnt, obwohl niemand anderes zu sehen war. „Kommen Sie, wir gehen ins Arbeitszimmer hoch.“

Dort erwärmte ein Kachelofen den Raum. Hier war nichts hübsch eingerichtet, es war einfach und funktional. In Regalen standen Apothkerflaschen, Ampullen, verschraubte Dosen, es gab zwei Arbeitstische und Schränke mit diversen Schubfächern. An der Wand war noch ein Steintisch gestellt, dessen Oberfläche blankpoliert war.

„Was ist das hier?“ fragte Florian.

„Einer meiner Freunde ist Handwerker, er hat mir sein Arbeitszimmer überlassen. Wo sind die Bücher?“

„Wo sind Ihre?“ fragte Florian sofort.

Don Leonardo lachte leise: „Die liegen dort auf dem Tisch.“ Er wies darauf.

„Ah, Sie haben sich auch schon darum bemüht, hinter ihr Geheimnis zu kommen“, sagte Florian.

„Ich entnehme Ihre Worten, daß sie diese Nacht ebenfalls nicht mit Schlafen zugebracht haben“, schloß Don Leonardo spitz. Florian funkelte den Mann wütend an. „Sehen Sie sich in aller Ruhe um, aber berühren Sie nichts. Ich werde Ihnen erst einmal Kaffee bringen.“ Der maskierte Mann verließ die beiden, die sich natürlich die drei Bücher ansahen, aber nichts weiter entdeckten.

Später saßen sie alle drei an einem der Tische zusammen und vertrieben sich die Müdigkeit durch den starken Kaffee des Don Leonardo. „Dann will ich mal den Anfang machen“, sagte er, „ich habe nichts gefunden. Weder in der Klappe, im Bund, auf den Schmutztiteln, nichts, gar nichts.“

„Schmutztiteln?“ fragte Florian nach.

„Das sind im Allgemeinen die Seiten vor dem eigentlichen Titelblatt“, erklärte Don Leonardo.

„Da steht doch nichts darauf.“

„Eben drum. Es könnte aber etwas darauf stehen, ein weiterer Hinweis.“

Florian schaltete: „Geheimtinte.“

„Genau danach habe ich gesucht.“

„Zitronensaft.“

„Nein, der dunkelt mit der Zeit nach. Es gibt einige Chemikalien, die keine offensichtlichen Spuren auf dem Papier hinterlassen. Ich habe die Blätter mit allen behandelt und habe nichts gefunden. Wie sieht es bei Ihnen aus?“

„Auch unsere Bemühungen sind Fehl geschlagen. Vielleicht sind die Blätter ja doch in den anderen drei Büchern gewesen“, sagte Herr Aouda, „lassen Sie uns die Schmutztitel unserer Bücher noch überprüfen. Allerdings sagt mir die Innere Stimme, daß wir auf dem falschen Weg sind.“

Diese Vermutung stimmte leider. Die folgenden Stunden brachten keine neuen Kenntnisse über den Fall „Buchseiten“.

„Was haben wir übersehen?“ marterte sich Herr Aouda sein übermüdetes Gehirn.

„Vielleicht war es der falsche Ort?“ fragte sich Don Leonardo selbst. „Duca Canova war ein gläubiger Mann. Er könnte die Seiten in die Obhut des Herrn gegeben haben.“

„Sprechen Sie … Moment, es steht eine Kirche auf dem Campo S. Polo.“

„Ja, das Gotteshaus, das dem Platz seinen Namen gegeben hat: S. Polo.“ Ein Leuchten flitzte über die vor Müdigkeit dunklen Augen des Maskierten. „So weit ich weiß hatte er dort seinen eigenen Gebetsstuhl.“

Die drei Abenteurer machten sich auf den Weg zum Campo S. Polo. Längst war der Gottesdienst vorbei und man konnte ungestört in der Kirche Nachforschungen anstellen. Es fand sich nichts, rein gar nichts.

Enttäuscht traten sie auf den Platz. „Zermürbend, wo hat Duca Canova die Seiten nur versteckt?“ seufzte Don Leonardo. „Es hat keinen Zweck. Wir sind zu müde. Ich verordne Schlaf und wir sehen uns morgen wieder. 10.00 Uhr hier.“ Die beiden Herren nickten zustimmend. Don Leonardo verließ sie und eilte genau den Weg hinunter, den vor einigen Tagen auch der Dienstbote des Duca geflohen war.

„Lassen Sie uns zum Palazzo Manin zurückkehren“, sagte Herr Aouda.

 

Beide schliefen bis zum Abendessen und bekamen durch die geführten Tischgespräche mit, daß man im Palazzo Dona eingebrochen hätte. Allerdings war niemand gefunden worden. Das sprach dafür, daß der Niedergeschlagene in allerletzter Sekunde die Kurve gekratzt hatte oder das Bestechung im Spiel war.

 

15. Dezember 1871; Freitag

In den letzten Tagen hatten sie Venedig auf den Kopf gestellt und nichts gefunden. Herr von Krainer und Herr Aouda glaubten bald nicht mehr an die gesuchten Seiten. Aller Wahrscheinlichkeit nach, hatten die vom umgekehrten Kreuz mehr Glück gehabt.

 

Am heutigen Tag wurde Duca Canova beigesetzt. Natürlich war die Familie Traghetto mitsamt Freunden geladen. Sie alle trugen schwarz, die Farbe der Trauer. Mit zwei Booten wurden sie in die Nähe der Beerdigungsstätte gebracht. Sie fuhren nicht, wie erwartet zur Gräberinsel hinaus, sondern nach Venedig hinein. Einige Meter mußte die Gesellschaft noch zu Fuß zurücklegen, bis sie an der Basilika Santa Maria Gloriosa dir Frari ihr Ziel erreichten.

Trotzdem, daß der gute Duca Canova keine Verwandten mehr besaß, hatte sich doch eine gehörige Prozession zusammengefunden. In Ruhe und Frieden versammelten sich die Trauernden im Hauptschiff zur Totenmesse. Sie dauerte eine geraume Weile. Florian sah sich um und entdeckte Don Leonardo in der ersten Reihe sitzen.

Nachdem die Messe vorbei war, trugen Meßdiener die Urne des Verstorbenen durch das Hauptschiff in den hinteren Teil der Basilika. Charon und Florian waren einen Tag nach ihrer Ankunft in Venedig hier gewesen. Das Ziel der Prozession war die Pyramide mit der marmornen Trauergesellschaft und dem geflügelten Löwen. Über dem Eingang prangte der Familienname: Canova.

Florian und Charon durchfuhr es mit einem Mal. Hier waren sie richtig! Dies war der blinde Löwe und wenn er sehen könnte, würde er genau auf die steinerne Urne blicken, die die Frau in ihren Händen trug. Soweit die beiden Detektive erkennen konnten, war die Urne hohl.

„Canova, daher war mir der Name vertraut“, seufzte Charon, „ich habe den Engel doch noch skizziert und nicht mehr daran gedacht.“

„Wie kommen wir an die Urne heran?“ fragte Florian. Das war in der Tat kein einfaches Unterfangen. Denn der Bereich um die Pyramide war durch einen niedrigen Zaun abgesperrt. Nur die besten Freunde durften der Beisetzung direkt beiwohnen. Don Leonardo gehörte dazu.

Die Meßdiener trugen die Urne durch das offene Tor in den dunklen Bereich der Pyramide. Dort wurde er mit seinen Ahnen vereint. Nach ihm würde niemand mehr die Ruhe hier stören. Mit seinem Tod war die Familie Canova erloschen. Der Pfarrer hielt noch einmal eine Rede und dann entließ er die Gemeinschaft.

Florian suchte Don Leonardo, der ein wenig abseits stand und von vielen Personen ihr Beileid empfing. Die Mine des Halbmaskierten war versteinert. Er rang deutlich mit seiner Fassung. Auch wenn der Duca nur ein Freund seines Vaters gewesen war, so war er auch ein Mann gewesen, der seit seiner Kindheit da gewesen war, mit dem er geschäftlichen und freundschaftlichen Umgang gepflegt hatte und nun war ein Teil seiner Vergangenheit unwiederbringlich verloren.

„Mein Beileid“, sagte Florian und drückte dem Don die behandschuhte Hand.

„Ich danke Ihnen.“

„Wenn Sie Zeit hätten … wir haben das Rätsel gelöst.“

„Wie bitte?“

Florian lächelte: „Wir wissen wo sich die Seiten befinden. Nur kommen wir nicht daran.“

Der traurige Ausdruck auf der sichtbaren Gesichtshälfte des Dons verschwand und machte einer winzigen Euphorie Platz. „Wo?“

„Kommen Sie.“ Florian führte den Don genau vor die Pyramide. „Was sehen Sie?“

„Den Löwen … und die Urne. Canova. Gütiger Gott. Bald ruhe ich bei meinen Ahnen! Das gehörte auch zum Rätsel! Wir haben in diesen Satz interpretiert, daß er sein Ableben erahnt hatte. Nein, er meinte diesen Ort. Warten Sie.“

Florian und Charon beobachteten, wie Don Leonardo durch das Türchen im Zaun schritt und auf den Stufen niederkniete. Er betete, dann stand er zögernd auf, berührte die Urne und griff schnell hinein. Der Vorgang wurde von ihm selbst halb verdeckt, so daß nur ein guter Beobachter erkannte, daß etwas Helles im Mantel des Don verschwand. Florian sah sich um, ob noch irgendwer den maskierten Mann beobachtete. In der Tat starrte Baronesse de Traghetto Don Leonardo an. Sie fühlte Florians Blick und drehte sich zu ihm herum. Die beiden jungen Menschen starrten sich für einen Herzschlag lange an, dann schritt Antonia zu dem Gast ihrer Eltern hinüber. „Haben Sie das auch beobachtet?“ fragte sie.

„Was soll ich beobachtet haben?“

„Dieser Don Leonardo hat aus der Urne etwas herausgeholt.“

„Sie müssen sich irren“, log Herr von Krainer.

Die kleine Baronesse zog die Augenbrauen leicht zusammen: „Ich irre mich nicht. Dieser seltsame Mann mit der Maske hat etwas aus der Urne entfernt!“

Don Leonardo schüttelte noch einigen Personen die Hand, doch konnte man ihm ansehen, daß er sich immer weiter zum Ausgang manövrierte.

„Hören Sie, ich beobachte diese verdächtige Person mit der Maske ebenfalls und ich sage Ihnen, Sie haben sich geirrt.“

„Es ist wieder geschehen“, seufzte die Baronesse mit kläglicher Stimme. Sie drehte sich urplötzlich um und rannte undamenhaft nach draußen. Florian war verwirrt und eilte ihr dann nach. Auf dem Platz holte er sie ein. „Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht verletzen. Was meinen Sie damit: es ist wieder geschehen?“

Die schwarzen Augen waren feucht von ungeweinten Tränen, als die kleine Baronesse ihren Blick hob. Ihr Gesicht wirkte weich, nicht so eisig wie sie es so oft zur Schau trug. „Ich … manchmal sehe ich Dinge“, versuchte sie einen zarten Erklärungsansatz. Florian, der seinen Blick nicht von ihr zu wenden vermochte, fühlte, wie sie seine Hände ergriff und sie festhielt. „Ihre Augen sind nicht die Ihren, Ihre Hände sind nicht die Ihren, Ihr Mund ist nicht der Ihre … und selbst das Blut in Ihren Adern ist nicht … blau.“

„Antonia!“ rief die durchdringende Stimme Baronin de Traghetto. Das Mädchen stieß Florian von sich. „Wie können Sie es wagen“, schimpfte sie und erteilte dem verwirrten jungen Mann eine Backpfeife. Die Seele verwirrt, die Wange brennend und der Stolz gekränkt, sah Florian der kleinen Baronesse nach, die mit erhobenem Haupt zu ihren Eltern hinüberging.

Sofort war Herr Aouda neben seinem goldenen Engel. „Was ist passiert?“

„Ich weiß es nicht“, flüsterte Florian und rieb sich seine Wange, „verstehe einer die Frauen.“

Die Flamme der Eifersucht, die seit dem Tag im Musikzimmer zu brennen begonnen hatte, erhielt hier und jetzt eine Menge Nahrung. Und sie brannte doch umsonst, das wußte Charon. Er würde seinen Engel niemals einfangen können. Er würde sich mit dem Platz hinter ihm zufrieden geben müssen.

„Wo ist Don Leonardo?“ fragte Florian.

„Ich habe ihn aus den Augen verloren.“

Hastig blickten sie sich um und hörten eine vertraute Stimme hinter sich. Sie klang rauh … wie die des Schattenmannes. Vorsichtig drehten sich die beiden Herren um. Florian erkannte sofort seinen Fechtgegner wieder. Glücklicherweise war der Mann in ein Gespräch vertieft. Er trug einen schwarzen schlichten Anzug und den weißen Kragen eines Pfarrers.

Florian drehte sich weg. Charon war erschüttert. „Dieser Mann ist ein Mann des öffentlichen Lebens! Ihr Götter! Zu ihm gehen die Sünder beichten. Wenn sie wüßten, was er nachts treibt.“ Florian fragte einen der Umstehenden nach dem Namen des Pfarrers. „Abate Giovera de S. Maria“, war die Antwort.

Florian und Charon bedankten sich. Da konnten sie beobachten, wie Don Leonardo zwischen zwei Häusern verschwand. „Er macht sich aus dem Staub“, erkannte Florian. Er wollte hinterher, als er mal wieder von seinem Freund zurückgehalten wurde. „Warten Sie. Sehen Sie.“

Der Abate Giovera de S. Maria verabschiedete sich von seinem Gesprächspartner und spazierte, ein wenig humpelnd, über den Platz. Er folgte Don Leonardo. Als er in der Häuserschlucht verschwand, konnten die beiden Abenteurer einen dritten Mann sehen, der sich aus dem Schatten schälte und sich dem Abate anschloß.

„Er hat uns reingelegt“, schimpfte Herr Aouda, „worauf warten Sie noch?“

Gemeinsam spurteten sie den drei Herren hinterher, die wie vom Erdboden verschluckt schienen.

„Wir werden ihn nicht finden, außer er möchte es“, seufzte Charon, „wie sind wie die Schafe den Anweisungen dieses Dons gefolgt und haben für ihn das Rätsel gelöst. Er mußte die Früchte unserer Arbeit einfach nur noch pflücken.“

Geschlagen kehrten die beiden Freunde zurück zum Platz. Myrjam hatte schon nach ihnen gesucht und war ein wenig erzürnt.

 

 

 

 

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