Tod in Venedig- Part 4
Florian
war ins Musikzimmer gegangen. Dieser Saal strahlte eine eigene Faszination aus.
War das gesamte Haus im alten Stil Venedigs gehalten worden, mit reich
ornamentierten Stuckbändern, Vinietten, Goldverzierungen, Seidentapeten, Lampen
und Spiegel im verspielten Blumenstil … schlichtweg goldschwer, so hatte man
hier einen modernen Schritt gewagt. Die Malereien, waren nicht in schwere
Stuckramen eingesperrt, sondern spielten in aller Freiheit mit der Phantasie des
Betrachters. Man mochte meinen sich unter freiem Himmel zu bewegen, umgeben von
den Ruinen eines Amphitheaters. Auf der einen Seite konnte man, wie es oft üblich
war, auf das Meer hinunter sehen, auf der anderen Seite erhoben sich Berge. Auf
den Steinblöcken, korintischen Säulenfragmenten und den angedeuteten Stufen
tummelten sich neben vorwitzigem Unkraut alle möglichen Tiere. Da waren
Eidechsen, die sich unter der imaginären Sonne tummelten, schillernde Vögel
und seltsam gehörnte Tiere, die im Hintergrund grasten. Sah man genauer hin,
konnte man erkennen, daß nicht alles gemalt war. An den durchaus realen
Fenstern hingen Blumenampeln mit Ehefeu. Die goldene Harfe in der einen Ecke war
auch echt, wie die Steinfragmente, an denen sie lehnte. Im Schatten einer
umgefallenen Säule standen Vitrinen, indenen kostbare Geigen und silberne Flöten
lagen, sowie der Schrank unter dem Bogengang die Noten und andere große und
kleine Instrumente beinhaltete.
Mitten
im Saal, auf der einen Seite von im Halbrund aufgestellten Stühlen umgeben,
thronte ein schwarzer Flügel. Florian, der bei der Palazzoführung hier kurz
durchgekommen war, schloß die Türe hinter sich, um den Alltag auszusperren.
Die gemalten Illusionen bewundernd ging der junge Herr hinüber zu dem Flügel.
Ein wenig Musik würde ihn ablenken. Vorsichtig stellte er den Flügel auf, dann
setzte er sich auf das gepolsterte Bänkchen. Eine Weile starrte er auf das
abwechselnde Muster von schwarzen und weißen Tasten, dann legte er die Finger
darauf, unsicher, wie er beginnen sollte. Eigentlich war es ihm egal, ob ihn
jemand hörte … auch wenn er keine Koryphäe auf dem Gebiet war. So begann
Florian eine einfache Melodie. Zunächst mußten sich seine Finger wieder an das
Spielen gewöhnen und hielten dem Takt nicht ganz stand. Es würde schon werden.
Ganz
unverhofft tauchte Baronesse Traghetto neben Florian auf. Er schrak zusammen und
hörte auf. „Verzeihen Sie“, murmelte er, „ich hätte vorher fragen
sollen.“
Die
Baronesse starrte den jungen Mann mit ihren schwarzen kalten Augen an. „Sie
sind miserabel. Rücken Sie ein Stück bei Seite.“
„Wie
meinen?“
„Sie
sind schlecht aber nicht unbegabt. Mit ein wenig Übung könnte es etwas werden.
Denken Sie, daß Sie in der Lage sind das eben gespielte Stück ohne Taktfehler
zu wiederholen?“
„Ich
… äh, ja, ICH bin in der Lage dieses Stück zu wiederholen.“
„Gut“,
sagte das Fräulein spitz und setzte sich neben Florian, „beginnen Sie.“
Zögernd,
einen Blick auf die Person neben sich geworfen, begann Herr von Krainer.
„Sehen
Sie nicht mich an, sondern konzentrieren Sie sich auf die Melodie, die Sie
spielen wollen“, harschte ihn die Baronesse an. „Noch mal von vorn.“
Ich
habe bald keine Lust mehr, grummelten Florians Gedanken. Er begann aufs neue und
erschrak kurz, als die Baronesse einsetzte. Ihre Finger liebkosten die Tasten
und entlockten ihnen den Zauber der Musik. So konnte sich das Stück also auch
anhören …
Antonia
de Traghetto verführte den jungen von Krainer auf ihre ganz eigene Art und
Weise. Sie mochte ruppig und unhöflich sein, aber wenn sie spielte war sie
sanft. Vor allem ließ sie Florian, der in ihren Augen ein blutiger Anfänger
sein mußte, an ihrer Musik teilhaben. Er war nicht nur Zuhörer im Gestühl,
sondern wob selbst am Band des Zaubers. Als das Stück endete war Florian urplötzlich
von einer Leere erfüllt. Er kannte das Gefühl nicht. Ihm fehlte die Musik …
das er das einmal denken würde… sein Musiklehrer wäre vor Freude in Tränen
ausgebrochen.
„Ganz
passabel“, holte ihn Baronesse Traghetto aus seinen Träumereien. „Welche Stücke
können Sie noch spielen?“
In
der nächsten Stunde spielte Florian Stücke, die ihm total fremd waren.
Normalerweise benötigte er einige Zeit und Übung, bis er ein Stück einigermaßen
beherrschte, aber es gleich von der Note zu Musik zu bringen, war ihm bisher ein
Buch mit sieben Siegeln geblieben. Die kleine Baronesse bediente sich dabei
eines kleinen Tricks. Sie ließ ihren Gast die einfachen Hintergrundmelodien
spielen.
Florian
bemerkte Charon nicht, der von der Musik angelockt, in den Salon gekommen war.
Als er die beiden jungen Personen dort gemeinsam auf der Klavierbank sitzen sah,
in Einverständnis den Tasten diese Melodien entlockten, wurde es um das Herz
des Halbinders sehr schwer. Traurig wendete er sich wieder ab.
Die
Zeit war zur Bedeutungslosigkeit gefroren, bis der Takt von klappenden Händen
den Zauber zerstörte. Die beiden Musikweber drehten sich herum. Es war Baronin
de Traghetto. „Es war wundervoll“, sagte sie.
„Vielen
Dank“, erwiderte Herr von Krainer. Er stand auf, verbeugte sich vor der
Baronesse. „Auch Ihnen bin ich zu Dank verpflichtet. Ich würde mich freuen,
wenn ich Sie wieder einmal auf dem Flügel begleiten dürfte.“
„Wie
gewählt Sie sich ausdrücken können“, antwortete die kleine Baronesse spitz,
so als ob sie es einem Hinterwäldleradeligen nicht zutraute. Etwas sanfter und
leiser fügte sie hinzu: „Gerne.“
Florian,
dem die Beleidigung keineswegs entgangen war, drehte sich auf dem Absatz herum
und verließ den schönen Musiksalon. Hinter sich hörte er die Baronin zu ihrer
Tochter sagen: „Du bist nicht mehr allein …“
Nicht
mehr allein? Bedeutete das, daß man es schon wieder versuchte? Ihn mit
irgendeiner Adeligen - wenn möglich wohlhabend - zu verkuppeln?
„Verzeihung?“
durchbrach eine Stimme Florians Gedanken. Als der junge Mann aufblickte,
erkannte er Herrn Aouda. Unwillkürlich tat Florian einen Schritt zurück.
„Was wollen Sie?“ fragte er harsch.
„Verzeihen
Sie mir, daß ich Sie anspreche … aber, es hat sich etwas in unserem Fall
ergeben.“
Florians
Neugierde siegte über das Mißtrauen: „Berichten Sie!“
„Nicht
hier, Gehen wir auf mein Zimmer.“
„Das
halte ich für keine gute Idee, lassen Sie uns in den Herrensalon gehen.“
Glücklicherweise
war der zu dieser Stunde verwaist. Man ließ sich von der Dienerschaft
Cappuchino bringen und dann berichtete Herr Aouda von seiner Begegnung. Man
einigte sich, daß man diesen Don Leonardo heute noch treffen wollte und sandte
eine Nachricht zu ihm. Die Antwort kam sofort mit dem Boten zurück. 14.00 Uhr
Marcusplatz im Café Rosa.
Die
beiden Herren nutzten die Zeit, um nach einem Geschenk für Myrjam zu suchen.
Florian entdeckte in einem der Glasläden eine Venezianische Gondel. Sie
entsprach in ihren verspielten Formen genau dem Geschmack Frl. von Krainers. Danach trat man mit gemischten
Gefühlen den Weg zum Marcusplatz an.
Zögernd
trat man vor das Café und entdeckte durch die Scheibe, daß der Mann mit der
Halbmaske schon anwesend war. Er saß an einem Tisch in der Ecke und trank
seinen Kaffee. Seinen gelben Augen schien nichts zu entgehen. Ruhig erwartete er
seine Gäste. Einer der Bedienungen eilte zu den Herren und half ihnen aus ihren
Mänteln, nahm ihnen die Handschuhe, Hüte und die Stöcke ab. Don Leonardo
stand auf, als die beiden Herren sich seinem Tisch näherten. „Herr von
Krainer, Herr Aouda, es freut mich, daß Sie gekommen sind.“ Nacheinander
reichte er ihnen die behandschuhte Hand. „Setzen Sie sich.“ Don Leonardo
wies auf die freien Stühle.
Nachdem
sich Florian und Charon einen Vanillekaffee bestellt hatten, wurde er Verschwörerisch
in dieser Ecke des Etablissements. „Ich nehme an, daß Sie Herrn von Krainer
über unser Gespräch in der gestrigen Nacht in Kenntnis gesetzt haben“,
sprach Don Leonardo den Halbinder an.
„Ja,
so ist es.“
„Zu
welchem Konsens sind Sie gekommen?“
„Wir
benötigen noch einige Informationen“, sagte Herr Aouda.
„Nun,
dann stellen Sie mir Ihre Fragen.“
„Was
waren das für Buchseiten, über die Sie Duca Canova informierte?“ begann
Florian.
„Ich
kann es nicht mit Gewißheit sagen. Duca Canova drückte sich in den Briefen
recht kryptisch aus. Er ahnte wohl von der Brisanz seiner Entdeckung. Er
schilderte es dergestalt, daß es eine Glaubensgemeinschaft verändern könnte.“
„Was
meinen Sie mit Glaubensgemeinschaft?“ hakte Florian nach.
Don
Leonardo nippte an seinem Kaffee und musterte den blonden jungen Mann eine
Weile. „In der christlichen Kirche gibt es diverse Orden.“
„Auch
welche, die dieses Symbol tragen?“ Charon zeigte die Zeichnung des
Tatzenkreuzes. Don Leonardos Mine versteinerte. Er unternahm kein Versuch das
Bild umzudrehen.
„Sie
erkennen es“, deutete Florian den erschütterten Gesichtsausdruck des
Maskierten.
Don
Leonardo schüttelte leicht den Kopf: „Nein, bedaure … ich kenne es nicht.
Wo haben Sie das her?“
„Der
Ermordete auf der Brücke. Seine beiden Verfolger, die sich letztendlich dann
auch auf unsere Fährte setzten … einer von ihnen trug dieses Kreuz.“
„Die
Sache gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht“, murmelte Don Leonardo.
„Sie
wissen doch mehr, als Sie zugeben“, hakte Florian nach.
„Ich
verstehe Ihr Mißtrauen sehr gut. Männer wie ich gehören nicht unbedingt zu
dem Personenkreis den man als Vertrauenswürdig einstuft.“ Don Leonardo tippte
sich an seine Halbmaske.
„Verzeihen
Sie meinem jungen Freund, er ist ein wenig voreilig“, entschuldigte sich Herr
Aouda.
„Er
hat ja Recht“, schmunzelte der spanische Don, „allerdings bedaure ich sehr,
daß Sie mit hineingezogen worden sind.“
„Wovon
sprechen Sie?“ Florian wurde lauter.
„Ich
kann selbst nur Vermutungen anstellen, da mir selbst die Informationen fehlen.
Da fällt mir ein, weshalb haben Sie mich denn gesucht?“
„Kennen
Sie diesen Mann?“ fragte Charon und zeigte dem Don die Zeichnung der
Erschossenen.
„Ja,
ich erkenne ihn. Das war einer der Diener Duca Canovas.“
„Da
ist die Verbindung“, freute sich Florian.
„Verbindung?“
hakte Don Leonardo nach, der den Gedanken des jungen blonden Mann nicht folgen
konnte.
„Ja,
das ist der Beweis“, holte Herr von Krainer aus, „dieser Mann ist der
Erschossene. Nun wissen wir, von wem er geschickt worden ist.“
„Und
woher wissen Sie, daß er zu mir wollte?“ fragte Don Leonardo.
„Er“,
druckste Florian, „er sagte, als er starb, dreimal Leonardo und dann gab er
mir einen Zettel.“
„Wo
ist der Zettel?“
„Fort.
Aber ich weiß noch, was darauf stand: Mein Freund! Bald ruhe ich bei meinen
Ahnen. Im Licht des blinden Löwen erwächst Einsicht. Regino.“
Don
Leonardo lehnte sich langsam zurück. „Regino“, sagte er. „Duca
Regino Canova. Warum haben Sie mich
nicht gleich gefragt? Die Verbindung war doch eindeutig!“
Die
beiden jungen Detektive schauten sich an. Wenn sie den Vornamen des Ducas schon
früher herausgefunden hätten…
„Im
Licht des blinden Löwen erwächst Einsicht, hm, was Duca Canova damit sagen
wollte, ist mir Schleierhaft“, murmelte Don Leonardo.
„Er
deutet auf das Versteck hin“, meinte Florian.
Der
Don lächelte: „Das zumindest ist sicher.“
„Es
muß ein Versteck in seinem Haus sein“, mutmaßte Charon.
„Nun,
dann dürften wir in Schwierigkeiten sein.“ Der Don fuhr geistesabwesend über
die Linien des Tatzenkreuzes, dessen Zeichnung immer noch auf dem Tisch lag.
„In einer Woche - nächsten Montag - findet die Versteigerung statt.“
„Dann
müssen wir vorher in den Palazzo eindringen“, schlug Florian vor.
Der
Don schmunzelte: „Sie schlagen einen Einbruch vor?“
„Wenn
es nicht anders geht, ja!“
Der
Don blickte von einem begeisterten Gesicht zum anderen. „Ich muß Sie warnen.
Es ist kein Spiel. Noch können Sie aufstehen, gehen und würden mich nie wieder
sehen. Sie dürften auch vor denen“, der Don zeigte auf die Zeichnung, „in
Sicherheit sein. Noch stellen Sie keine Gefahr da. Der Zufall hat Sie in die
Geschichte involviert, das ist alles.“
„Wir
lassen Sie nicht im Stich“, sagte Charon.
„Das
ist sehr Großzügig von Ihnen. Wir werden uns aber erst einmal der Recherche
widmen, einem äußerst langweiligem Geschäft. Ich habe zu Hause den
Versteigerungskatalog. Wir werden sehen, ob wir nicht dort schon einen Hinweis
finden. Vielleicht müssen wir nicht in den Palazzo Dona einbrechen.“
Sprachs
getan. Don Leonardo bezahlte die Rechnung und dann machte man sich auf den Weg
in die Rio Terra S. Leonardo.
Es
war tatsächlich sehr mühselig, den Katalog durchzuackern … vor allem, wenn
man nichts fand. Es gab einige Löwenstatuen und unzählige heilige Reliquien,
Bibeln … und eine auffällige Ansammlung von Büchern des Heiligen St.
Bonifazius.
„Wir
müssen die Löwen in ihrem Kontext sehen. Es führt kein Weg drumherum, wir
sind gezwungen in den Palazzo einzusteigen“, erkannte Herr Aouda.
„Dann
sollten wir uns erst ein Bild über die momentane Lage machen“, schlug Don
Leonardo vor, „seit dem Mord an dem Duca stehen Carabinieries an dem vorderen
Portal und sicherlich auch welche hinten am Canal.“
Auf
dem Stadtplan konnte man erkennen, das der kleine Palazzo an beiden Seiten
direkt an andere Gebäude gebaut war. Die Front war dem großen Campo S. Polo
zugewendet und an der Rückseite lag ein Canal.
Es
dämmerte bereits und leichter Schneefall setzte ein, als die drei Männer über
den Campo S. Polo schlenderten. In der Tat standen vor dem Palazzo Dona zwei in
dunkle Mäntel gehüllte Gesetzeshüter. An der Ausrichtung ihrer Dreispitze
konnte man erkennen, wohin sie blickten… selbstredend in ihre Richtung.
Die
drei Männer flanierten ohne Hast über die Ponte Madonetta, tauchten kurz in
eine enge Gasse ein, um dann auf der Ponte Luganegher Stellung zu beziehen. Von
hier aus konnte man recht gut auf die Rückseite des Palazzos hinüber sehen. Da
es keine Fondamenta gab, sondern nur eine Treppe, die direkt ins Wasser führte,
sahen diese beiden Carabinieries ein wenig danach aus, ausgesetzt worden zu
sein.
Man
überlegte gerade, wie man in das Gebäude eindringen konnte, ohne auf sich
Aufmerksam zu machen, als sich den Treppen ein Boot näherte. Man konnte durch
den Schneefall erahnen, daß es sich ebenfalls um Carabinieries handelte.
Wahrscheinlich eine Patrouille zu Wasser.
Das
Boot hielt bei der Treppe und die Männer tauschten einige Worte. Es war
anscheinend ein Wachwechsel, den die drei Herren beobachteten. Das Boot mit den
Carabinieries, die nun ihrem wohlverdienten Feierabend entgegensahen, ruderte
langsam auf die Brücke zu, auf der die drei Beobachter standen. Man verbarg
sich im Schatten einer Hausecke und beobachtete, wie das Boot in den links
abzweigenden Canal einbog. Einige Herzschläge verstrichen, bis man sich wieder
auf die Brücke wagte.
„Haben
Sie das gesehen?“ fragte Herr Aouda.
„Wovon
sprechen Sie?“ fragte Herr von Krainer, der sich schon anstrengen mußte,
gegen den Schneefall Details zu erkennen.
Herr
Aouda flüsterte: „Sie brechen in den Palazzo ein.“
„Sie
haben recht“, sagte Don Leonardo, „das sind keine Carabinieries!“
„Ich
sehe nichts“, jammerte Florian, dann dachte er einen Moment lang nach und flüsterte:
„Dann sind das unsere Verfolger. Wir müssen hinterher!“
„Äußerst
riskant“, überlegte Don Leonardo, „aber wir sind ihnen drei zu zwei überlegen.“
„Das
ist unsere Chance“, freute sich Herr von Krainer, „jetzt oder nie.“
„Sie
haben die Türe geöffnet“, setzte Herr Aouda die anderen beiden in Kenntnis.
„Dort
vorne ist ein Boot, warten Sie, ich hole es“, sagte Don Leonardo.
Herr
von Krainer merkte an: „Äh, es gehört nicht uns.“
„Das
weiß ich. Wir leihen es uns lediglich aus. Sie stehen im Begriff in einen
Palazzo einzubrechen und da machen Sie sich Gedanken um ein Boot?“
Ganz
sachte legte das Boot an der Treppe an. Die Türe war wieder geschlossen. Während
Don Leonardo das Boot an einer der Stangen vertäute, warteten die beiden jungen
Freunde vor der Türe. Sie standen kurz davor, etwas Gesetzeswiedriges zu
begehen. Wenn sie … wenn Florian von Krainer … erwischt werden würde, wäre
das das sicherliche Aus seiner Familie. Das Abenteuer lockte, das so lange auf
sich hatte warten lassen … ganze achtzehn Jahre. Und nun trennte Florian nur
noch diese Türe vor dem großen Geheimnis, daß es um diese Buchseiten zu lüften
galt. „Sie ist nur angelehnt“, flüsterte Herr Aouda und stieß die Türe
leise auf.
„Seien
Sie um Himmelswillen vorsichtig“, Don Leonardo eilte die Treppen zu den beiden
Abenteurern empor.
„Kenne
Sie sich hier aus?“ fragte Herr Aouda.
„Nein,
ich kenne nur einen Teil der oberen Räume. Dies hier ist der Bediensteten
Trakt. Meines Wissens nach liegen die Küche und die Hintertreppe rechte Hand.
Darüber liegt das Speisezimmer, das Schlafzimmer und die Bibliothek.“
„Welchen
Weg sollen wir nehmen?“ fragte Herr von Krainer.
„Welchen
Weg haben Ihrer Meinung nach die beiden Schattenmänner genommen?“ fragte Don
Leonardo.
„Die
Hintertreppe zur Bibliothek.“
„So
ist es“, erwiderte der Don, „wir sind im Vorteil. Sie wissen nicht, daß wir
da sind. Daher werden sie immer den logischen Weg wählen.“
„Dann
nehmen wir die Haupttreppe“, entschied Herr Aouda. Leise schlichen die drei
durch die dunklen Gänge des Palazzos Dona. Durch eine Nebentüre gelangten sie
in die marmorne Empfangshalle. In dem schattigen Licht, daß durch die hohen
Fenster zu Boden sickerte, konnte man Halbsäulen an den Wänden erkennen - die
sehr gute Versteckmöglichkeiten boten. Schwere Vorhänge, Gobelins, Ölgemälde
und Statuen schmückten die Wände. Vor der breiten geschwungenen Treppe, die
sich in das erste Stockwerk emporhob und dort in eine Galerie mündete, erhoben
sich auf schweren Podesten zwei majestätische Löwen. Sie standen auf ihren
breiten Pranken und ihre Körper waren leicht zur Treppe hin gebogen. Da es sich
hierbei um das Venezianische Wappentier handelte, fehlten die aufgerichteten
Schwingen nicht. Aus ihren gemeißelten Augen musterten sie die Besucher in kühler
Überlegenheit.
Die
Herzen schlugen den beiden jungen Einbrechern bis hinauf in die Kehle. Dieser
Ort war unheimlich. Nicht nur, weil sie in verbotener Weise des Nächtens
betreten hatten, sondern auch wegen des Mordes, der hier geschehen war, wegen
des Geheimnisses, das hier ruhte, wegen ihres mysteriösen Begleiters… und
weil sie hier wie auf dem Präsentierteller dargeboten wurden. Diese Treppe bot
keinerlei Möglichkeiten sich zu verbergen. Wenn die beiden Schattenmänner, wie
sie der Don bezeichnet hatte, in dem Moment auf der Galerie auftauchten, wäre
das ihr Ende.
Es
geschah nichts dergleichen. So leise es ihnen möglich war huschten die drei die
Treppe hinauf. Don Leonardo hatte die Spitze übernommen und schwenkte auf der
Galerie gleich nach links. Ihr Ziel war die Bibliothek … leider war es auch
das der Schattenmänner. Sie konnten Licht durch einen Türspalt auf den Gang
fallen sehen. Florian, der recht viel Mut bewies huschte den weichen Teppich
entlang, bevor ihn noch jemand zurückhalten konnte, und nutzte die Möglichkeit,
einen Blick in die Bibliothek zu werfen. Der Türspalt war groß genug, um
einige Details zu erkennen. Florian sah rechte Hand auf die kurze Seite des
Raumes, die bis zur Decke hin von einem Bücherregal eingenommen wurde. In der
Mitte dessen war eine Glastüre eingelassen, hinter der sich Gegenstände
befanden. Auf der gegenüberliegenden Seite fehlten die Fenster. Da stieß der
Palazzo an ein anders Haus. Hier hingen weitere Gemälde und darunter waren
Vitrinen. In der einzigen Ecke, die Florian sehen konnte, stand ein großer
silberner Kerzenleuchter von drei Meter Höhe. Um mehr sehen zu können, mußte
Florian die Türe weiter öffnen. Doch das traute er sich dann doch nicht.
„Sieh
mal im Regal nach“, sagte da die rauhe Stimme, die Florian schon einmal gehört
hatte. Das waren in der Tat ihre Verfolger!
Der
andere Schattenmann trat vor die Bücher und las sich konzentriert die Buchrücken
durch. „Das ist ja, als ob man eine Nadel in einem Heuhaufen suchen würde!“
„Eben
drum, es gibt kein besseres Versteck für die Seiten.“
Hinter
Florian waren mittlerweilen auch die anderen getreten.
„Was
meinte der Alte damit, als er schrieb: Im Licht des blinden Löwen erwächst
Einsicht?“
„Ich
weiß es auch nicht. Ein Rätsel, das wir lösen müssen.“
„Wo
haben wir noch Löwen?“
„Na,
unten an der Treppe.“
„Dann
laß uns dort einmal nachsehen, bevor wir uns hier jedes Buch vornehmen müssen.“
Die
beiden Schattenmänner steuerten auf die Türe zu. Florian sah sich hektisch um.
Don Leonardo, der sich ein wenig in diesen Räumlichkeiten auskannte, huschte
zur nächsten Türe und öffnete diese. Schnell waren die drei Herren in das
Schlafgemach des Verstorbenen gesputet. Es gelang im allerletzten Moment, die Türe
zu schließen, als die der Bibliothek aufgestoßen wurde. Die beiden Schattenmänner
machten keinen Hehl daraus, daß sie sich in Sicherheit wähnten. Sie
unterhielten sich zwar nicht lautstark, aber innerhalb der Räumlichkeiten doch
vernehmbar gut. Die drei Herren behielten die Türe im Auge, sie lauschten
angestrengt, bis man die Stimmen nicht mehr hörte. Dann trat man wieder auf den
Gang hinaus und folgte den Schattenmännern bis zum Ende des Ganges. So
vergewisserte man sich, daß die beiden sich tatsächlich für eine Weile mit
den großen Löwenstatuen auseinandersetzen würden.
Allein
der Gang, durch den die drei Gentleman gingen war schon bemerkenswert. Hier
standen Vitrinen an den Wänden, die religiöse Dinge beinhalteten. An den Wänden
hingen Portraits und auch Ziersäbel. Florian eignete sich einen an, da er nur
über den kurzen Stockdegen verfügte. Er reichte einen zweiten an Don Leonardo
weiter, der allerdings ablehnte. „Ich bin ein miserabler Fechter.“
Die
Bibliothek war ein beeindruckender Raum. Er maß in seiner Höhe sicherlich über
vier Meter. Hier setzte sich die Sammelleidenschaft wertvoller Reliquien fort.
An der einen kurzen Wand stand das Bücherregal, deren oberste Reihen nur noch
mit der Leiter erreichbar waren. In der Mitte war die besagte Glastüre
eingelassen. An der langen Außenwand standen weitere Vitrinen, an der mit der Türe
waren zwei Schränke gestellt worden. Die zweite kurze Wand beinhaltete eine
weitere Türe zum Schlafzimmer. Daneben ruhte ein großer Marmorlöwe ohne Flügel.
Er hatte seinen Kopf auf die Vorderpranken gelegt und starrte auf das Bücherregal.
In
der Mitte des Raumes stand eine lederne Sesselgruppe um einen niedrigen Tisch.
Für
Licht sorgten in dem fensterlosen Raum die Gaslampen, die in gewissen Abständen
an den Wänden angebracht waren und wenn man für einen romantischen Flair
sorgen wollte, auch die großen Silberleuchter, die jeweils in einer der vier
Ecken stand.
Alles
wirkte beinahe so, als würde der Hausherr noch leben, als wäre er eben fort
gegangen… wenn da nicht schon die Holzkisten für den Abtransport dieser
Sammlung in einer Ecke stehen würden. Florian hatte sich mit enormem Eifer
gleich auf den Löwen gestürzt und versuchte seine Blickrichtung auszumachen.
Indes war Herr Aouda zum Bücherregal getreten um sich einen Überblick über
die Titel zu machen. Der Halbinder zögerte, als er bemerkte, daß Don Leonardo
neben den Kisten stand und verbissen darauf starrte.
„Es
tut mir sehr leid“, sagte Herr Aouda.
„Mir
ebenfalls. Das diese Sammlung schon in einer Woche aufgelöst sein wird ist ein
Sakrileg. Duca Canova hatte vor gehabt sich schon davor auf seine Sommerresidenz
zurückzuziehen. Und nun ruht er wirklich schon bald bei seinen Ahnen.“
„Wenn
wir die Kerzen entzünden, dann spiegelt sich das Licht in den Augen des Löwen
und wird auf die Bücher geworfen“, ereiferte sich Florian.
Herr
Aouda sagte leise: „Sie könnten damit recht haben.“
Sprachs
getan. Nachdem die Kerzen nun alle Licht spendeten und es sich in den polierten
Marmoraugen des Löwen brach … konnte Florian, indem er sich rückwärtig ans
Regal stellte, tatsächlich zwei Stellen ausmachen, andenen er von dem zurückgeworfenen
Schein des Großkatzenblickes geblendet wurde. Leider war der Bereich recht vage
gehalten und beinhaltete jeweils an die fünfzig Bücher.
„Es
war ein guter Einfall“, tröstete ihn Don Leonardo. „Da fällt mir ein,
woher wußten die Schattenmänner von dem Text auf dem Zettel?“
Herr
Aouda erwiderte; „Sie haben ihn uns abgenommen, bevor die Carabinieries uns
retteten. Verzeihen Sie.“
„Gut,
aber bitte verschweigen Sie mir solche Details nicht mehr. Es kann alles
irgendwann einmal sogar Lebensnotwendig werden.“
Man
untersuchte den Raum, so gut es ging, als man die Türe zur Galerie zuschlagen hörte.
„Sie
kommen“, flüsterte Florian. In aller fliegenden Hast blies man die Kerzen aus
und floh durch die Tür ins Schlafzimmer.
„Sie
werden die Kerzen riechen“, erkannte Herr Aouda.
Don
Leonardo schnappte sich einen Stuhl und klemmte ihn unter die Türklinke,
Florian umfaßte den Griff seines Degens und huschte zur Türe, Herrn Aouda auf
seinen Fersen. „Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“ flüsterte der
Halbinder besorgt.
„Jaja,
ich könnte mich verletzen. Ruhe jetzt! Die beiden sind eben in die Bibliothek
gegangen.“ Florian stieß die Türe auf und rannte den Gang hinunter. In
diesem Moment sprang ihm einer der Gestalten in den Weg. „Zum Schlafzimmer“,
hörte Florian den Mann in die Bibliothek rufen und dann standen sie sich gegenüber.
Funken sprühten, als die beiden Klingen in aller Wucht aufeinander trafen. Die
beiden Männer starrten sich für einen Moment an, als sie sich mit ihrer Kraft
gegen die gekreuzten Säbel stemmten. „Sie“, erkannte der Mann mit der
rauhen Stimme, „schön, dann bringe ich zu Ende, was ich begonnen habe.“ Er
war Florian in der Kraft überlegen und stieß den jungen Mann spielerisch fort.
„Sie haben schon verloren“, wurde Herr von Krainer verhöhnt… doch der wußte
es besser. Geschick über Kraft, das hatte ihm Lt. Falkenstein immer eingebleut.
Laß dich niemals provozieren, laß dich niemals durch deinen Zorn leiten.
Florian
ließ seinen Gegner eröffnen und parierte zunächst die Schläge, bis er einen
Fehler im Angriffsmuster erkannte. Der Mann fühlte sich haushoch überlegen.
Flink stieß Florian zu und zog sich zurück. Das erste Blut floß und es war
nicht seines. Verwundert blickte der Schattenmann auf seinen Oberschenkel
nieder. Ein zweiter Stich folgte, den sein Gegner in die Schulter erhielt. Nun
waren die Fronten geklärt, nun würde ihn der Kerl nicht mehr unterschätzen.
Aber das war in Ordnung, denn nun war er geschwächt. Mit Leichtigkeit trieb
Florian den Mann vor sich her, den Gang hinunter zur Treppe. Verzweifelt
versuchte sich sein Gegner zu lösen, verzweifelt versuchte er, seine Position
mit Herrn von Krainer zu tauschen, doch der junge Engel ließ das einfach nicht
zu. So geriet der Schattenmann in
die Bredouille auch noch auf unterlegenem Posten sein
Leben zu verteidigen. Es kam alles anders. Wie so oft, will ich meinen,
denn die Haupttüre wurde aufgestoßen. Die beiden Carabinieries, stürmten mit
gezogenen Säbeln in die Vorhalle. Dann hasteten sie die Stufen empor. Der
Schattenmann ergriff die Flucht, indem er über die Brüstung auf den tief
darunterliegenden Boden sprang. Man hörte deutlich das Knallen der Absätze,
als er mit den Stiefeln auf den Marmorfliesen aufkam. Einer der beiden
Carabinieries stürmte die Treppen wieder hinunter, um die Verfolgung
aufzunehmen. Florian, der es mit der Angst bekam, daß man ihn anhand seiner
blonden Haare erkennen würde, zog sich hurtig in den Gang zurück.
„Carabinieries“, rief er als Warnung seinen Mitverschwörern zu.
Während
Florian von Krainer sich dem Gegner mit der rauhen Stimme gestellt hatte, hatten
die beiden anderen Herren eine bedeutende Entdeckung gemacht.
Don
Leonardo stützte die Türe, gegen die der andere Schattenmann anrannte. Herr
Aouda, der seinen Engel vor einer überstürzten Tat hatte abhalten wollen,
drehte sich herum und blickte auf ein Gemälde von drei Meter Höhe und zwei
Meter breite. Hier hing die Lösung, vor ihren Augen! In voller Lebensgröße
war Duca Canova abgebildet. Er stand neben dem ruhenden Löwen in seiner
Bibliothek. Einer der silbernen Kerzenleuchter war ebenfalls abgebildet worden.
Wenn man nun genauer die Augen des Löwen betrachtete, konnte man erkennen, daß
der Künstler die Regalwand in der Spiegelung abgebildet hatte. Drei Bücher
waren etwas deutlicher herausgearbeitet worden. Duca Canova hatte von diesem
Detail in seinem Bild gewußt und hatte dementsprechend die beiden Buchseiten
versteckt. Sehr gewitzt. So prägte sich Charon die Buchrückenabfolge im Auge
des Löwen ein und hoffte, daß er sie wiederfinden würde.
„Don
Leonardo, ich weiß wo die Seiten sind.“
Der
Angesprochene hatte immer noch ein Auge auf die Türe geworfen.
„Ich
habe eine Idee“, sagte der Halbinder, „wenn er das nächste Mal gegen die Türe
stürmt, öffnen wir sie.“
Sprachs
getan. Herr Aouda bezog Posten an der Türe und Don Leonardo ihm gegenüber …
mit einem gewichtigen Kerzenständer in der Hand. Im richtigen Moment riß
Charon die Türe auf und der Schattenmann stolperte mit der Schulter voran ins
Schlafgemach. Der Don schlug zu und der Gegner blieb regungslos auf dem
flauschigen Teppich liegen. Schnell war man in die Bibliothek gelaufen und
suchte nach der Buchrückenkombination. Man fand in dem eingrenzten Bereich
Florians genau vier solcher Abfolgen. Hastig zog man die Bücher heraus und warf
sie in eine der kleineren Kisten.
„Carabinieries!“
hörten sie Florian rufen.
„Die
Hintertreppe!“ Die Kiste zwischen sich rannte man zum Speisesaal und
verrammelte erst einmal die Türe. Als man auf der Treppe ins Untergeschoß war,
hörten sie oben den Wachmann klopfen und rufen.
„Schneller!“
drängte Don Leonardo. Sie erreichten die Hintertüre und hörten vorn in der
Eingangshalle die Verstärkung eintreffen. Es kam, wie es kommen mußte, das
Boot war fort. Allerwahrscheinlichkeit nach, hatte es der fliehende Schattenmann
benutzt.
„Wir
sitzen in der Falle“, seufzte Florian, der sich seinen dunklen Schal um die
Haare gewunden hatte. Charon starrte in das Wasser und auf die gegenüberliegende
Wand. Keiner der beiden Wege sah Erfolgversprechend aus. Im Canal würde sie die
Bücher nicht mitnehmen können und außerdem würden sie erfrieren. Die gegenüberliegende
Wand war fünf Meter hoch und endete in verspielten Steinspitzen. Wahrscheinlich
war das die Eingrenzung eines Hofes. „Schnell drei Bücher für jeden“, preßte
der Don hervor.
„Wir
nehmen alle“, begehrte Florian auf.
„NEIN,
das geht nicht!“
„Was
machen Sie denn da?“ fragte Charon, dem nun auffiel, daß der Don irgend etwas
zusammenschraubte. Gerade legte er einen vierarmigen Schleuderhaken auf seine
Armbrust, die einmal sein Stock und was auch immer gewesen war. Ein Seil lag
zusammengerollt zu seinen Füßen. Don Leonardo stand auf dem einen Ende, das
andere war an dem Haken befestigt. Kurz gezielt schoß der spanische Edelmann.
Charon und Florian hielten die Luft an. Die Zeit wurde immer knapper. Schon
kamen die Geräusche der Carabinieries immer näher. Drei Bücher, drei Bücher
für jeden, fiel es den beiden ein und sie sortierten drei aus. Da sich ein Großteil
um Bibeln oder Schriften des Heiligen Bonifazius handelten, nahm man diese mit
und ließ die weniger interessanten zurück.
Der
Haken hatte beim ersten Schuß Halt an der steinernen Mauerbegrenzung gefunden.
Nun zog der Don an dem Seil, es hielt. „Los, Herr von Krainer, Sie sind der
erste!“
Florian
stopfte sich die Bücher in das Wams und ergriff das Seil. Er hangelte sich über
den Canal, hinauf auf die Mauer. Herr Aouda folgte weniger elegant, schaffte es
aber ebenfalls. Nun war Don Leonardo an der Reihe. Er befestigte die Armbrust an
seinem Gürtel, griff so weit er konnte oben an das Seil und ließ sich über
den Canal schwingen. Er verfehlte die Wasseroberfläche um Haaresbreite und
begann sofort die Mauer emporzuklettern.
Zwei
Carabinieries tauchten unten an der Treppe auf. „Bleiben Sie stehen! Ergeben
Sie sich!“ riefen sie den Flüchtenden hinterher. Schon waren Boote auf dem
Canal. Herr Aouda half dem viel größeren und schwereren Don auf die Mauer. Glücklicherweise
war sie fast einen Meter breit. Auf der anderen Seite fiel sie „nur“ vier
Meter hinunter. „Weiter“, der Don deutete die Mauer entlang. Florian,
gefolgt von Charon, floh über den verschneiten Untergrund. Es war äußerst
schwierig, die Mauerverzierungen zu umgehen. Alsbald hatte man ein Dach
erreicht. „Wir trennen uns hier“, sagte der Don, „Sie wenden sich in diese
Richtung und ich werde dorthin verschwinden. Wir treffen uns morgen um 8.00 Uhr
in der Calle Corrente. Das Eckhaus, das nicht am Canal liegt. Viel Glück.“
Und damit verschwand Don Leonardo im Schneetreiben. Pfiffe der Carabinieries
hallten zu den beiden Verfolgten herüber. Sie nahmen dies zum Anlaß, über
das Dach zu laufen, auf ein weiteres zu wechseln und über einen Balkon hinunter
zu Boden zu springen. Die beiden Herren rannten, bis sich ihre Beine weigerten,
noch einen Schritt weiter zu machen. Ausgelaugt, das Gewicht der gebundenen Bücher
im Wams, lehnten sie sich in eine Häuserflucht. Es war nichts mehr zu hören,
außer dem leisen Fall der Flocken.
„Sie
werden unseren Spuren folgen“, stieß Florian die Luft zwischen den Zähnen
hervor. Eine Atemwolke verhüllte sein Gesicht. „Da können Sie Recht
behalten!“
Man
nahm sich ein Boot und fuhr durch die Canäle. Irgendwo legten sie an und
machten sich auf den Heimweg. Es war gegen 23.00 Uhr, als sie den Palazzo Manin
erreichten. Zwei munter gelaunte Gentlemen traten an dem Bediensteten vorbei,
der ihnen öffnete. Erst als sie sich in Herrn Aoudas Zimmer in Sicherheit wähnten,
ließen sie ihrer Erschöpfung freien Lauf. Ermattet, ohne sich der Wintermäntel
zu entledigen, ließen sie sich in die Sessel fallen
„Sind
Sie verletzt?“ fragte Herr Aouda nach einer Weile.
„Nein,
weswegen denn?“
„Ihr
Duell, ich dachte…“
„Ach
Firlefanz! Ich bin gut.“
„Dann
ist gut.“
„Gut,
gut, hören Sie auf mich zu bemuttern!“ schimpfte Florian. Er stand auf, zog
den Mantel aus und stapelte seine Bücher auf dem Tisch. Herr Aouda legte seine
drei daneben.
„Auf
geht’s“, sagte Herr von Krainer und begann alle Bücher auszuschütteln. Es
fiel leider keine Seite heraus. Die ganze Nacht über versuchten sie dem
Geheimnis der sechs Bücher auf den Grund zu gehen … ohne Erfolg. Weder war im
Einband etwas verborgen, noch waren die Seiten mit eingebunden worden, noch gab
es einen Hinweis auf ein mögliches Versteck. Es war zermürbend, auf seine Bemühungen
der letzten Nacht auf NICHTS zu stoßen.
Viel
zu schnell zeigte die Uhr auf dem Kaminsims sechs.
„Wir
sollten los“, sagte Herr Aouda, „ich traue diesem Don nicht mehr. Irgend
etwas sagt mir, daß das alles eingefädelt war. Ich möchte mir das Haus und
die Umgebung davor ansehen.“
„Wie
Sie meinen“, Florian unterdrückte ein Gähnen.
„Die
kalte Morgenluft wird uns guttun.“
„Wie
Sie meinen.“
12. Dezember 1871; Dienstag
Gemeinsam
liefen sie durch die dunklen Gassen der Stadt. Nur in einigen wenigen Häusern
brannte schon Licht, sie schienen wie Lebenslichter, die den beiden Mut
zusprachen. Hinter den verschlossenen Läden ruhten die Bürger dieser Stadt,
schliefen noch den Schlaf der Unwissenden. Sie hatten vom Ableben einer ihrer
ehemaligen Oberhäupter in der Zeitung gelesen, es mit einem Schulterzucken und
leisem Bedauern zur Kenntnis genommen und hatten sich wieder ihrem Tagewerk
zugewendet. Und nun schliefen sie … unwissend von dem, was wirklich vor sich
ging, unwissend um die wahre Bedeutung dieses Todes aus der Zeitung. Es drängte
sich der Gedanke auf, was alles während des eigenen Schlafes im Leben alles
vorgefallen war. Stimmte das, was man in der Zeitung zu lesen bekam wirklich?
Damals als das Gerücht in Frankfurt umging, ein Vampyr treibe sein Unwesen und
die Dolchverschwörer hätten ihn besiegt, damals als Florian seinen
Fechtlehrmeister danach fragte … war ihm das seltsame traurige Leuchten in
seinen Augen aufgefallen, als Lt. Falkenstein ihm beteuerte, alles sei seinen
richtigen Weg gegangen. Schein und Sein.
Ein
finsterer Orden der Kirche mit dem umgedrehten Tatzenkreuz als Symbol versuchte
an diese geheimnisvollen Buchseiten heranzukommen. Es gab also eine Negierung
des göttlichen Glaubens … allein dieser Gedanke bereitete Florian ein
Unbehagen, daß sich wie klebrige Spinnenfäden unauslöschlich um seine
Erinnerungen hüllte. Herr Aouda und er lebten gerade in der beginnenden Dämmerung
und schlugen eben die Augen auf … noch orientierungslos … nicht
unterscheidend, was ist Traum und was Wirklichkeit.
Sie
konnten noch umkehren, konnten sich wieder schlafen legen und ihre kleine Welt
erträumen, mit all den Tränen und Freuden, die das Leben bot.
Es
hatte aufgehört zu schneien und so hinterließen sie in dem hohen Schnee sehr
deutliche Spuren. Da in Venedig die Hauptstraßen, die in Wirklichkeit nur etwas
großzügiger angelegte Gassen waren, um diese Zeit schon geräumt wurden, nahm
man Umwege in Kauf. Die Arbeiter, die mit großen Schaufeln, die Straßen
freilegten, nickten den beiden dahineilenden Gentleman grüßend zu.
„Hier
müssen wir abbiegen“, sagte Florian, der Myrjams Karte in den Händen hielt.
Sie kämpften sich wieder durch den hohen Schnee und gelangten dann schließlich
auf die Calle Corrente. Diese Gasse war recht breit und überbuckelte zwei Canäle
nacheinander. Auf der ersten Brücke fanden sie kein Gebäude, auf das Don
Leonardos Beschreibung paßte, doch bei der zweiten hatten sie Glück. Die Häuserzeile,
auf die sie rechte Hand blickten hatte eine Fondamenta, einen Weg unten am
Wasser. Hinter der Brücke konnten die beiden eine Treppe sehen, die sich
hinunterwand. Im Wasser stakten die üblichen Stäbe wie magere Finger empor und
die daran vertäuten Boote schlugen träge in der leichten Strömung gegen das
Holz. Diese hohlen Töne bekam man überall in Venedig zu hören.
„Wir
sind da“, flüsterte Florian.
Herr
Aouda drückte den voreilenden jungen Mann in eine Häuserecke: „Warten
Sie.“
Florian
war verblüfft und dann verärgert: „Worauf?“ fragte er bissig.
„Warten
Sie hier, ich gehe vor und erkunde die Umgebung.“
„Ich
benötige kein Kindermädchen“, entrüstete sich der blonde Mann.
„Es
ist nur zu Ihrer Sicherheit“, erklärte Herr Aouda nüchtern, „ich kenne
mich ein wenig damit aus ungesehen zu bleiben, aber selbst zu sehen.“
„Ah,
die verborgenen Fähigkeiten des Sir Hugo of Courtland. Zaubern Sie demnächst
aus ihren Stock auch einen Wurfanker?“ Florian wurde laut.
„Scht,
ich bitte Sie. Wir wollen doch nicht auffallen“, versuchte Herr Aouda seinen
jungen Begleiter zu beruhigen.
„Ich
komme mit!“
„Bitte
sehr.“
Gemeinsam
schlichen sie über die Brücke und erst einmal an dem Haus vorbei, um sich die
Rückseite anzusehen. Die Calle Corrente spaltete sich ein wenig auf und endete
in zwei Sackgassen. Die eine war eine echte und die andere mündete an einen
Canal. Also mußten die beiden Abenteurer umkehren und den Weg über die
Fondamenta nehmen. Die Hauseingänge sahen sich alle ähnlich. Nach einer Weile
traf der Weg auf eine Quergasse. Wenn man ihr linker Hand folgte gelangte man an
den Canal, an dem auch die Sackgasse geendet hatte. Nur, daß man über eine Brücke
auf die andere Seite gelangen konnte.
„Hm,
das Haus kann man schlecht observieren“, murmelte Charon.
Die
beiden Herren kehrten zu dem besagten Eingang zurück. Wieder entbrannte eine
Diskussion, denn Herr Aouda war der Meinung, daß nur einer von ihnen dem
Treffen folgen sollte. Natürlich lief es darauf hinaus, daß Florian in Deckung
bleiben sollte und natürlich weigerte sich dieser standhaft.
„Ich
traue diesem Don nicht“, sagte Charon.
„Noch
ein Grund mehr, daß ich Sie begleite!“
„Nein“,
erwiderte der Halbinder sanft, „das ist der genau der Grund, weswegen Sie hier
bleiben.“
Florian
ließ sich ungern etwas vorschreiben. Stur wiederholte er: „Ich begleite
Sie!“
„Wenn
Sie sich noch weiter Streiten, dann wecken sie noch ganz Venedig“, schaltete
sich eine dritte Stimme ein.
Die
beiden Abenteurer schraken zusammen. Denn Don Leonardo war aufgetaucht. Nicht,
wie vermutet zu Fuß, sondern im Hauseingang. „Guten Morgen die Herren, kommen
Sie herein. Nachdem Sie nun schon eine Weile dieses Haus observiert haben, müssen
Sie sich in der Kälte ja fast den Tod geholt haben.“
Herr
Aouda war blaß geworden. Er schämte sich ein wenig, durchschaut worden zu
sein, nicht so Florian. „Warum haben Sie uns dann nicht schon früher
hereingebeten?“
„Nie
um eine Antwort verlegen“, schmunzelte Don Leonardo. Es lag auf der Hand, er
mußte sie belauscht haben. Und sie hatten ihm auf dem silbernen Tablett ihre
wahre Meinung über ihn serviert. Dieses Haus wirkte bewohnt, obwohl niemand
anderes zu sehen war. „Kommen Sie, wir gehen ins Arbeitszimmer hoch.“
Dort
erwärmte ein Kachelofen den Raum. Hier war nichts hübsch eingerichtet, es war
einfach und funktional. In Regalen standen Apothkerflaschen, Ampullen,
verschraubte Dosen, es gab zwei Arbeitstische und Schränke mit diversen Schubfächern.
An der Wand war noch ein Steintisch gestellt, dessen Oberfläche blankpoliert
war.
„Was
ist das hier?“ fragte Florian.
„Einer
meiner Freunde ist Handwerker, er hat mir sein Arbeitszimmer überlassen. Wo
sind die Bücher?“
„Wo
sind Ihre?“ fragte Florian sofort.
Don
Leonardo lachte leise: „Die liegen dort auf dem Tisch.“ Er wies darauf.
„Ah,
Sie haben sich auch schon darum bemüht, hinter ihr Geheimnis zu kommen“,
sagte Florian.
„Ich
entnehme Ihre Worten, daß sie diese Nacht ebenfalls nicht mit Schlafen
zugebracht haben“, schloß Don Leonardo spitz. Florian funkelte den Mann wütend
an. „Sehen Sie sich in aller Ruhe um, aber berühren Sie nichts. Ich werde
Ihnen erst einmal Kaffee bringen.“ Der maskierte Mann verließ die beiden, die
sich natürlich die drei Bücher ansahen, aber nichts weiter entdeckten.
Später
saßen sie alle drei an einem der Tische zusammen und vertrieben sich die Müdigkeit
durch den starken Kaffee des Don Leonardo. „Dann will ich mal den Anfang
machen“, sagte er, „ich habe nichts gefunden. Weder in der Klappe, im Bund,
auf den Schmutztiteln, nichts, gar nichts.“
„Schmutztiteln?“
fragte Florian nach.
„Das
sind im Allgemeinen die Seiten vor dem eigentlichen Titelblatt“, erklärte Don
Leonardo.
„Da
steht doch nichts darauf.“
„Eben
drum. Es könnte aber etwas darauf stehen, ein weiterer Hinweis.“
Florian
schaltete: „Geheimtinte.“
„Genau
danach habe ich gesucht.“
„Zitronensaft.“
„Nein,
der dunkelt mit der Zeit nach. Es gibt einige Chemikalien, die keine
offensichtlichen Spuren auf dem Papier hinterlassen. Ich habe die Blätter mit
allen behandelt und habe nichts gefunden. Wie sieht es bei Ihnen aus?“
„Auch
unsere Bemühungen sind Fehl geschlagen. Vielleicht sind die Blätter ja doch in
den anderen drei Büchern gewesen“, sagte Herr Aouda, „lassen Sie uns die
Schmutztitel unserer Bücher noch überprüfen. Allerdings sagt mir die Innere
Stimme, daß wir auf dem falschen Weg sind.“
Diese
Vermutung stimmte leider. Die folgenden Stunden brachten keine neuen Kenntnisse
über den Fall „Buchseiten“.
„Was
haben wir übersehen?“ marterte sich Herr Aouda sein übermüdetes Gehirn.
„Vielleicht
war es der falsche Ort?“ fragte sich Don Leonardo selbst. „Duca Canova war
ein gläubiger Mann. Er könnte die Seiten in die Obhut des Herrn gegeben
haben.“
„Sprechen
Sie … Moment, es steht eine Kirche auf dem Campo S. Polo.“
„Ja,
das Gotteshaus, das dem Platz seinen Namen gegeben hat: S. Polo.“ Ein Leuchten
flitzte über die vor Müdigkeit dunklen Augen des Maskierten. „So weit ich
weiß hatte er dort seinen eigenen Gebetsstuhl.“
Die
drei Abenteurer machten sich auf den Weg zum Campo S. Polo. Längst war der
Gottesdienst vorbei und man konnte ungestört in der Kirche Nachforschungen
anstellen. Es fand sich nichts, rein gar nichts.
Enttäuscht
traten sie auf den Platz. „Zermürbend, wo hat Duca Canova die Seiten nur
versteckt?“ seufzte Don Leonardo. „Es hat keinen Zweck. Wir sind zu müde.
Ich verordne Schlaf und wir sehen uns morgen wieder. 10.00 Uhr hier.“ Die
beiden Herren nickten zustimmend. Don Leonardo verließ sie und eilte genau den
Weg hinunter, den vor einigen Tagen auch der Dienstbote des Duca geflohen war.
„Lassen
Sie uns zum Palazzo Manin zurückkehren“, sagte Herr Aouda.
Beide
schliefen bis zum Abendessen und bekamen durch die geführten Tischgespräche
mit, daß man im Palazzo Dona eingebrochen hätte. Allerdings war niemand
gefunden worden. Das sprach dafür, daß der Niedergeschlagene in allerletzter
Sekunde die Kurve gekratzt hatte oder das Bestechung im Spiel war.
15. Dezember 1871; Freitag
In
den letzten Tagen hatten sie Venedig auf den Kopf gestellt und nichts gefunden.
Herr von Krainer und Herr Aouda glaubten bald nicht mehr an die gesuchten
Seiten. Aller Wahrscheinlichkeit nach, hatten die vom umgekehrten Kreuz mehr Glück
gehabt.
Am
heutigen Tag wurde Duca Canova beigesetzt. Natürlich war die Familie Traghetto
mitsamt Freunden geladen. Sie alle trugen schwarz, die Farbe der Trauer. Mit
zwei Booten wurden sie in die Nähe der Beerdigungsstätte gebracht. Sie fuhren
nicht, wie erwartet zur Gräberinsel hinaus, sondern nach Venedig hinein. Einige
Meter mußte die Gesellschaft noch zu Fuß zurücklegen, bis sie an der Basilika
Santa Maria Gloriosa dir Frari ihr Ziel erreichten.
Trotzdem,
daß der gute Duca Canova keine Verwandten mehr besaß, hatte sich doch eine gehörige
Prozession zusammengefunden. In Ruhe und Frieden versammelten sich die
Trauernden im Hauptschiff zur Totenmesse. Sie dauerte eine geraume Weile.
Florian sah sich um und entdeckte Don Leonardo in der ersten Reihe sitzen.
Nachdem
die Messe vorbei war, trugen Meßdiener die Urne des Verstorbenen durch das
Hauptschiff in den hinteren Teil der Basilika. Charon und Florian waren einen
Tag nach ihrer Ankunft in Venedig hier gewesen. Das Ziel der Prozession war die
Pyramide mit der marmornen Trauergesellschaft und dem geflügelten Löwen. Über
dem Eingang prangte der Familienname: Canova.
Florian
und Charon durchfuhr es mit einem Mal. Hier waren sie richtig! Dies war der
blinde Löwe und wenn er sehen könnte, würde er genau auf die steinerne Urne
blicken, die die Frau in ihren Händen trug. Soweit die beiden Detektive
erkennen konnten, war die Urne hohl.
„Canova,
daher war mir der Name vertraut“, seufzte Charon, „ich habe den Engel doch
noch skizziert und nicht mehr daran gedacht.“
„Wie
kommen wir an die Urne heran?“ fragte Florian. Das war in der Tat kein
einfaches Unterfangen. Denn der Bereich um die Pyramide war durch einen
niedrigen Zaun abgesperrt. Nur die besten Freunde durften der Beisetzung direkt
beiwohnen. Don Leonardo gehörte dazu.
Die
Meßdiener trugen die Urne durch das offene Tor in den dunklen Bereich der
Pyramide. Dort wurde er mit seinen Ahnen vereint. Nach ihm würde niemand mehr
die Ruhe hier stören. Mit seinem Tod war die Familie Canova erloschen. Der
Pfarrer hielt noch einmal eine Rede und dann entließ er die Gemeinschaft.
Florian
suchte Don Leonardo, der ein wenig abseits stand und von vielen Personen ihr
Beileid empfing. Die Mine des Halbmaskierten war versteinert. Er rang deutlich
mit seiner Fassung. Auch wenn der Duca nur ein Freund seines Vaters gewesen war,
so war er auch ein Mann gewesen, der seit seiner Kindheit da gewesen war, mit
dem er geschäftlichen und freundschaftlichen Umgang gepflegt hatte und nun war
ein Teil seiner Vergangenheit unwiederbringlich verloren.
„Mein
Beileid“, sagte Florian und drückte dem Don die behandschuhte Hand.
„Ich
danke Ihnen.“
„Wenn
Sie Zeit hätten … wir haben das Rätsel gelöst.“
„Wie
bitte?“
Florian
lächelte: „Wir wissen wo sich die Seiten befinden. Nur kommen wir nicht
daran.“
Der
traurige Ausdruck auf der sichtbaren Gesichtshälfte des Dons verschwand und
machte einer winzigen Euphorie Platz. „Wo?“
„Kommen
Sie.“ Florian führte den Don genau vor die Pyramide. „Was sehen Sie?“
„Den
Löwen … und die Urne. Canova. Gütiger Gott. Bald ruhe ich bei meinen Ahnen! Das gehörte auch zum Rätsel! Wir
haben in diesen Satz interpretiert, daß er sein Ableben erahnt hatte. Nein, er
meinte diesen Ort. Warten Sie.“
Florian
und Charon beobachteten, wie Don Leonardo durch das Türchen im Zaun schritt und
auf den Stufen niederkniete. Er betete, dann stand er zögernd auf, berührte
die Urne und griff schnell hinein. Der Vorgang wurde von ihm selbst halb
verdeckt, so daß nur ein guter Beobachter erkannte, daß etwas Helles im Mantel
des Don verschwand. Florian sah sich um, ob noch irgendwer den maskierten Mann
beobachtete. In der Tat starrte Baronesse de Traghetto Don Leonardo an. Sie fühlte
Florians Blick und drehte sich zu ihm herum. Die beiden jungen Menschen starrten
sich für einen Herzschlag lange an, dann schritt Antonia zu dem Gast ihrer
Eltern hinüber. „Haben Sie das auch beobachtet?“ fragte sie.
„Was
soll ich beobachtet haben?“
„Dieser
Don Leonardo hat aus der Urne etwas herausgeholt.“
„Sie
müssen sich irren“, log Herr von Krainer.
Die
kleine Baronesse zog die Augenbrauen leicht zusammen: „Ich irre mich nicht.
Dieser seltsame Mann mit der Maske hat etwas aus der Urne entfernt!“
Don
Leonardo schüttelte noch einigen Personen die Hand, doch konnte man ihm
ansehen, daß er sich immer weiter zum Ausgang manövrierte.
„Hören
Sie, ich beobachte diese verdächtige Person mit der Maske ebenfalls und ich
sage Ihnen, Sie haben sich geirrt.“
„Es
ist wieder geschehen“, seufzte die Baronesse mit kläglicher Stimme. Sie
drehte sich urplötzlich um und rannte undamenhaft nach draußen. Florian war
verwirrt und eilte ihr dann nach. Auf dem Platz holte er sie ein. „Es tut mir
leid, ich wollte Sie nicht verletzen. Was meinen Sie damit: es ist wieder
geschehen?“
Die
schwarzen Augen waren feucht von ungeweinten Tränen, als die kleine Baronesse
ihren Blick hob. Ihr Gesicht wirkte weich, nicht so eisig wie sie es so oft zur
Schau trug. „Ich … manchmal sehe ich Dinge“, versuchte sie einen zarten
Erklärungsansatz. Florian, der seinen Blick nicht von ihr zu wenden vermochte,
fühlte, wie sie seine Hände ergriff und sie festhielt. „Ihre Augen sind
nicht die Ihren, Ihre Hände sind nicht die Ihren, Ihr Mund ist nicht der Ihre
… und selbst das Blut in Ihren Adern ist nicht … blau.“
„Antonia!“
rief die durchdringende Stimme Baronin de Traghetto. Das Mädchen stieß Florian
von sich. „Wie können Sie es wagen“, schimpfte sie und erteilte dem
verwirrten jungen Mann eine Backpfeife. Die Seele verwirrt, die Wange brennend
und der Stolz gekränkt, sah Florian der kleinen Baronesse nach, die mit
erhobenem Haupt zu ihren Eltern hinüberging.
Sofort
war Herr Aouda neben seinem goldenen Engel. „Was ist passiert?“
„Ich
weiß es nicht“, flüsterte Florian und rieb sich seine Wange, „verstehe
einer die Frauen.“
Die
Flamme der Eifersucht, die seit dem Tag im Musikzimmer zu brennen begonnen
hatte, erhielt hier und jetzt eine Menge Nahrung. Und sie brannte doch umsonst,
das wußte Charon. Er würde seinen Engel niemals einfangen können. Er würde
sich mit dem Platz hinter ihm zufrieden geben müssen.
„Wo
ist Don Leonardo?“ fragte Florian.
„Ich
habe ihn aus den Augen verloren.“
Hastig
blickten sie sich um und hörten eine vertraute Stimme hinter sich. Sie klang
rauh … wie die des Schattenmannes. Vorsichtig drehten sich die beiden Herren
um. Florian erkannte sofort seinen Fechtgegner wieder. Glücklicherweise war der
Mann in ein Gespräch vertieft. Er trug einen schwarzen schlichten Anzug und den
weißen Kragen eines Pfarrers.
Florian
drehte sich weg. Charon war erschüttert. „Dieser Mann ist ein Mann des öffentlichen
Lebens! Ihr Götter! Zu ihm gehen die Sünder beichten. Wenn sie wüßten, was
er nachts treibt.“ Florian fragte einen der Umstehenden nach dem Namen des
Pfarrers. „Abate Giovera de S. Maria“, war die Antwort.
Florian
und Charon bedankten sich. Da konnten sie beobachten, wie Don Leonardo zwischen
zwei Häusern verschwand. „Er macht sich aus dem Staub“, erkannte Florian.
Er wollte hinterher, als er mal wieder von seinem Freund zurückgehalten wurde.
„Warten Sie. Sehen Sie.“
Der
Abate Giovera de S. Maria verabschiedete sich von seinem Gesprächspartner und
spazierte, ein wenig humpelnd, über den Platz. Er folgte Don Leonardo. Als er
in der Häuserschlucht verschwand, konnten die beiden Abenteurer einen dritten
Mann sehen, der sich aus dem Schatten schälte und sich dem Abate anschloß.
„Er
hat uns reingelegt“, schimpfte Herr Aouda, „worauf warten Sie noch?“
Gemeinsam
spurteten sie den drei Herren hinterher, die wie vom Erdboden verschluckt
schienen.
„Wir
werden ihn nicht finden, außer er möchte es“, seufzte Charon, „wie sind
wie die Schafe den Anweisungen dieses Dons gefolgt und haben für ihn das Rätsel
gelöst. Er mußte die Früchte unserer Arbeit einfach nur noch pflücken.“
Geschlagen
kehrten die beiden Freunde zurück zum Platz. Myrjam hatte schon nach ihnen
gesucht und war ein wenig erzürnt.